Was ich Jesus sagen würde
- Autorenwettbewerb Platz1 -









Was ich Jesus sagen würde - eine Kurzgeschichte

(Von Matin Schrott, Wörnersberg)




Es war kalt an jenem Februarmorgen. Die Sonne war noch nicht aufgegangen. Martin blieb stehen, um zu verschnaufen. Im fahlen Dämmerlicht konnte er noch nicht viel von der sonst so erhebenden Aussicht erkennen. Wie ein schwerer Mantel legte sich die nasskalte Morgenluft auf seine Schultern. Ein Schauer jagte durch seinen Körper. Martin zog den Reißverschluss seiner Jacke ganz nach oben, holte noch einmal tief Luft und stieg den schmalen Pfad weiter bergan. Die kalte Luft tat ihm in der Nase weh.

Vor fünfzehn Jahren hätte ihm diese Tour noch nicht so viel ausgemacht. Damals war er sportlich besser zuwege. Jetzt, mit seinen zweiundvierzig Jahren, machte ihm so manches überflüssige Pfündlein zu schaffen, das er auf seinen Hüften und am Bauch geparkt hatte. „Das ist teuer erkauft und hart erarbeitet“, witzelte er hin und wieder. Akzeptieren konnte er sich mit dem Übergewicht nicht. Schon gar nicht jetzt. Während er sich auf seine Oberschenkel stützte, wanderten Martins Gedanken in die Vergangenheit zurück.

„Hajime!“ Der Schrei des Kampfrichters zerreißt die Stille der nahezu vollbesetzten Sporthalle. Zwei Teenager in ihren weißen Karate-Gis fixieren einander. Dann geht alles ganz schnell. Eine Finte mit der Faust hier, einen Rückwärtsfußtritt durch die Deckung dort, und zum Nachtisch noch einen Halbkreisfußtritt zur Schläfe des Gegners. Fertig ist das Meistergericht.

„Ach ja“, seufzte Martin noch halb in Gedanken versunken. Trotz Kälte lief ihm der Schweiß an der Stirn und den Wangen hinab. „Das waren noch Zeiten...“ Gerne wäre er damals Karate-Trainer geworden. Doch alles kam ganz anders. Über Nacht veränderte eine Begegnung sein ganzes Leben.

„Sie sind ja ganz schön früh auf den Beinen!“
Die Stimme des Fremden durchfuhr Martin wie ein Blitz. Unwillkürlich zuckte er zusammen. Seine Augen suchten das dunkle Grau um ihn herum ab. Nur langsam erkannte er dort, von wo die Stimme kam, schemenhaft eine Gestalt, die auf einer Bank saß.
„Oh, entschuldigen Sie, ich wollte Sie nicht erschrecken“, ertönte die Stimme des Fremden erneut.
„Nein, nein, ist schon gut!“ gab der Wanderer versöhnend zur Antwort. „Ich habe Sie nur nicht gesehen. Und überhaupt habe ich nicht damit gerechnet, hier oben jemanden zu begegnen. Schon gar nicht um diese Zeit.“
„Kommen Sie, setzen Sie sich ein wenig her, Sie sind ja ganz außer Atem!“ In der Stimme des Fremden lag etwas angenehm fürsorgliches.

 

„Guten Morgen! Ich heiße Martin“, sagte der Wanderer, als er sich zu dem Fremden auf die Bank setzte.
„Guten Morgen“, erwiderte dieser. „Darf ich fragen, was Sie um diese Zeit hier oben machen?“, wollte der Fremde wissen. Einerseits empfand Martin diese Frage als zu persönlich. Andererseits witterte er eine gute Gelegenheit, über das zu reden, was ihm am meisten am Herzen lag.

„Sie werden mich vielleicht für antiquiert halten, und ich bitte Sie, mich nicht auszulachen, aber ich komme hin und wieder hier hoch um ... zu beten.“ Irgendwie fiel Martin diese Aussage weniger schwer als sonst.

„Warum sollte ich sie auslachen?“, wollte der Fremde wissen. „Leider gibt es nicht mehr sehr viele Menschen, denen die Gemeinschaft mit Gott so wichtig ist, dass sie einen so mühsamen Weg auf sich nehmen, wie Sie das tun!“
Die Worte des Fremden taten Martin gut.

„Sie scheinen ebenfalls Christ zu sein?!“
Der Fremde antwortete nicht, sondern stellte dem Wanderer erneut eine Frage.

„Würden Sie mir erzählen, wie Sie Christ geworden sind?“

 

„Es ist gut 25 Jahre her“, begann Martin seine Erzählung. Gleichzeitig wunderte er sich über sich selbst, dass er einfach so bereit war, dem Fremden davon zu berichten. „Es war im März. Ein Schulkamerad rief eines Tages im Pausenhof nach mir...“ Vor Martins innerem Auge begann die Szene von damals wieder lebendig zu werden.

„’Martin!’
Dieter kam quer über den Schulhof auf mich zu.
’Ich brauche deine Hilfe! Gestern haben mich ein paar Typen in der Fußgängerzone angequatscht.’
’Soll ich sie vermöbeln?’ fragte ich amüsiert zurück.
’Quatsch! Sie haben mich zu so einer Veranstaltung eingeladen. Da gibt es jugendgemäße Musik und so was.’
’Was für eine Veranstaltung? Und was meinst du mit ’und so was’?’, wollte ich wissen.

’Na ja, du weißt schon,’ druckste Dieter herum. Ihm war es irgend wie peinlich, darüber zu reden. Dieter war sowieso kein Mensch von vielen Worten. Dieter war wie ich 17 Jahre alt und Regionalmeister im Boxen.

’Ne, weiß ich nicht’, gab ich provozierend zurück. 
’Na, da gibt’s einen Gottesdienst für junge Leute.’
’Und?’ Ich genoss es, meinen Freund zappeln zu lassen.
’Kannst du nicht mitkommen? Ich will da nicht alleine hin!’

Darum ging’s also. Ich überlegte. Ein Atheist war ich zwar nicht, aber mit der Kirche hatte ich von jeher keinerlei Berührungspunkte. Bei uns in der Familie spielte der Glaube keine Rolle. Im Gegenteil. Religion war eher ein Tabuthema.
’Okay, ich komme mit!’, hörte ich mich selbst sagen. Was hatte ich zu verlieren?

 

Am Abend trafen wir uns zur verabredeten Zeit vor dem besagten Gemeindehaus. Als wir den altmodischen Saal  mit angegrauten Textiltapeten und schäbigem Linoleumboden betraten, staunte ich nicht schlecht, als ich die vielen jungen Leute erblickte. Es mochten gut und gerne sechzig Jugendliche gewesen sein. Wir suchten uns einen Platz im hinteren Drittel des Saals. Die Stühle waren hart und unbequem. Aber man konnte prima auf ihnen schaukeln.

Was an Liedern, Theaterstücken, Gebeten oder Ansprachen folgte, interessierte mich nicht. Gedanklich war ich bei meiner Freundin, die im Nachbarort wohnte. Seit einem halben Jahr waren wir zusammen. Am liebsten wäre ich in jenem Moment aufgestanden und zu ihr gefahren. Doch dann riss mich irgend etwas aus meinen Gedanken. Ich kippte den Stuhl nach vorne, rutschte in eine orthopädisch wertvollere Haltung und stierte nach vorne, von wo her zu kommen schien, was mich hellhörig werden ließ. Jemand sprach norddeutsch. Nun ist norddeutsche Mundart an und für sich nichts schlimmes. Zumindest nicht in Norddeutschland. Doch damals lebte ich in Oberfranken. Normalerweise hätte es mich nicht sonderlich interessiert, welchen Dialekt der Mann am Pult redete, selbst wenn es Suaheli gewesen wäre. Aber ein Norddeutscher in Franken, das erregte meine gesamte Aufmerksamkeit. Denn ich stamme selbst aus Norddeutschland, und darauf bin ich stolz.“

 

„Sie haben sich sicherlich gefragt, woher er kam, oder?“, wollte der Fremde wissen.
„Ja“, fuhr Martin mit seinen Erinnerungen fort.
„Ich nahm sich vor, ihn nach der Veranstaltung nach seiner Herkunft zu fragen. Noch mit dem Schlussakkord des letzten Liedes schob ich mich durch die Reihen, um in die Teestube zu gelangen, wohin ich den Redner habe gehen sehen.

’Hi!’ Ich setzte mich zu dem Nordlicht an den Tisch.
’Hallo, wie heißt du?’, fragte dieser sehr freundlich zurück.
’Martin’
’Ich heiße Andreas’, sagte er und reichte mir die Hand.
Woher stammst du?’, wollte ich von ihm wissen.
’Buchholz in der Nordheide. Aber sag mal, warum bist du denn heute hier?’
Mist! Was sollte ich antworten? Ich konnte ja schlecht sagen, dass ich Träger des braunen Gürtels in Karate bin und als Bodyguard für einen Regionalmeister im Boxen fungierte. So was wirkt in der Kirche eher komisch.
’Na ja’, druckste ich ausweichend herum.

Andreas kam ohne Umschweife zur Sache:
’Wenn du Jesus persönlich kennen lernen könntest, hättest du Interesse?’
Ich verstand denn Sinn dieser Frage nicht und antwortete mit einem nichtssagenden ’Hm’.
’Weißt du denn, wer Jesus ist?’, doppelte Andreas nach.
Was für eine Unverschämtheit, dachte ich. Klar wusste ich, wer dieser Jesus war. Das weiß doch jedes Kind!
’Nein, nicht wirklich!’, hörte ich mich selbst zugeben. Dabei wunderte ich mich über meine Ehrlichkeit.
’Jesus ist Gott in Menschengestalt’, erklärte Andreas.
’Gott erschuf alle Menschen. Auch dich und mich. Aber er schuf uns nicht als willenlose Marionetten, sondern wollte, dass wir ihn aus Liebe und aus einer freien Willensentscheidung zurücklieben.’
’Ach so’, pflichtete ich ihm zustimmend bei. In Wirklichkeit verstand ich nur Bahnhof.
’Der Mensch wollte jedoch ohne Gott leben. Er wollte selbst gut sein und sein eigener Herr sein. Weißt du, wie die Bibel das nennt?’ wollte Andreas von mir wissen.

Damals tat ich so, als ob mein Verstand auf Hochtouren arbeitete, um nach dem exakten „Terminus Technicus“ zu suchen.
’Sünde“, kam Andreas mir zuvor.
Aus dem Bahnhof, den ich verstand, entwickelte sich so langsam ein Hauptbahnhof.

’Weißt du, Martin, die ersten Menschen haben Gottes Gebote bewusst übertreten und haben sich damit grundsätzlich für ein Leben ohne Gott entschieden. Das wäre nicht so schlimm, wenn es nicht zwei Probleme dabei gäbe...’

Andreas hielt inne.

’Und die wären?’, wollte ich wissen.
’Das erste Problem hatten die Menschen. Sie wären in alle Ewigkeit verloren gegangen, denn sie entschieden sich für ein Leben ohne Gott. Diese Entscheidung würde auch in der Ewigkeit ihre Gültigkeit behalten. Sie könnten nie mehr zu Gott zurück kehren.’
’Und zweitens?’ Meine Neugierde war geweckt.
’Zweitens hatte auch Gott ein Problem mit dieser Trennung. Denn er schuf den Menschen aus lauter Liebe. Das bedeutet, er schuf ihn sich selbst sehr ähnlich.’“

„Ich muss zugeben, dass ich nichts von dem verstanden hatte, wovon Andreas mir erzählte.“
„Es war wahrscheinlich alles viel zu neu für Sie“, erwiderte der Fremde auf der Bank.
Martin fuhr fort, aus seinen Erinnerungen zu erzählen.
„Andreas versuchte, mir Gottes Liebe zu erklären.

’Weißt du, Gott ist wesensmäßig Liebe. Und lieben kann man nur etwas oder jemanden. So schuf er den Menschen, der in diesem Punkt Gott sehr ähnlich ist: er ist liebesbedürftig und liebesfähig. Als Menschen können wir Gottes Liebe empfangen und seinerseits Gott wieder zurücklieben. Das ist so, wie wenn du in ein Mädchen verliebt bist. Hast du eine Freundin, Martin?’

„O ja’, antwortete ich, ’und was für eine!’
Unverrichteter Dinge zückte ich meinen Geldbeutel und holte ein bereits verknicktes Passfoto heraus.
’Das ist Uschi. Wir gehen seit einem halben Jahr zusammen!’ bekannte ich stolz. ’Sehr hübsch!’ Andreas’ Kopf nickte anerkennend.
’Du kannst sehr stolz sein.’

Andreas fuhr fort.
‚Stell dir vor, Martin, Uschi würde morgen zu dir kommen und sagen, dass sie dich ja ganz nett findet, aber dass sie trotzdem gerne ohne dich weiterleben möchte...’
Das genau aber war es, was ich mir niemals vorstellen wollte. Andreas traf meinen wunden Punkt. Am liebsten hätte ich ihm eine gedonnert. Doch dann sprach er weiter.
’... würdest du nicht alles versuchen, damit du erneut das Herz deiner Uschi für dich gewinnst?“
’Okay, du darfst weiterleben’, entschied ich in meinen Gedanken.

’Na logo!’ sprudelte es aus mir hervor.
’Genau das hat Gott auch gedacht. Und er hat es getan.’
’Was hat er getan?’, wollte ich wissen. Ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, was Gott getan haben könnte, um an meine Uschi heran zu kommen.
’Na, Gott hat alles getan, damit der Mensch wieder in eine lebendige Beziehung zu ihm kommen kann. Denn Gott will die Ewigkeit nicht ohne uns Menschen verbringen, verstehst du? Er möchte, dass Du für immer gerettet bist und in Ewigkeit bei ihm bist!’

 

Nachdem sich die Größe des Bahnhofs in meinem Kopf immer mehr ausweitete, erklärte es Andreas nochmals ausführlich.

’Der himmlische Vater ist aus lauter Liebe zu uns Menschen auf diese Welt gekommen. Er wurde in Jesus Christus ein Mensch wie du und ich. Aber er lebte ohne Sünde. Dann starb er stellvertretend für dich und mich unseren ewigen Tod am Kreuz. Er nahm die Strafe für unser gottloses Leben auf sich. Von nun an konnte und kann jeder Mensch Gott persönlich kennen lernen. Auch du! Du brauchst mir das alles nicht glauben, was ich dir erzählt habe. Finde es heraus. Möchtest du Jesus jetzt persönlich kennen lernen?’
’Weißt du,’ sprach Andreas weiter, ’Gott ist kein Hirngespinst. Ihn bildet und redet man sich nicht einfach ein, wenn man es alleine nicht mehr schafft. Er ist real. Er redet mit dir, und du kannst mit ihm reden, wie mit einem Freund.’

 

In mir entbrannte ein heftiger Kampf. Soll ich oder soll ich mich nicht auf diesen Jesus einlassen? Zu kämpfen verstand ich ja. Aber dieser Kampf war anders. Ganz intuitiv spürte ich, dass von dieser Entscheidung mehr als nur mein weiteres Leben abhing. Und dann sagte ich ’Ja, ich will’. Ich hörte mich diese Worte sagen, ohne es mir vorgenommen zu haben; als ob jemand fremdes das sagte.

Wir standen auf und gingen in einen Nebenraum, wo wir für uns waren. Dort habe ich dann zum ersten Mal ganz bewusst gebetet und Jesus in mein Leben eingeladen...“
Martin hing noch seinen Gedanken nach, als die Worte des Fremden in sein Ohr drangen.

„Martin, das war der allerschönste Moment für mich, den ich mir jemals habe vorstellen können! Nichts tat ich lieber, über nichts habe ich mich so sehr gefreut, als in dein Leben zu kommen! Und ich habe diesen Schritt bis heute genauso wenig bereut wie du.“

Martin traute seinen Ohren nicht.
„Sie wollen mir doch nicht allen Ernstes weiß machen, dass Sie... ich meine, willst du behaupten, ... dass du ... dass du Jesus bist?“
Martin empfand die ganze Situation als grotesk und lächerlich.
„Ich möchte dir gar nichts weiß machen, Martin. Höre auf dein Herz! Du ahnst es doch schon eine ganze Zeit lang, oder?“

Martin fühlte sich ertappt, aber dennoch nicht bloß gestellt. In seinem Inneren musste er zugeben, dass er dieses eigenartige Gefühl in seinem Herzen zu diesem Fremden auf der Bank im nasskalten Dämmerlicht des Montagmorgens auf dem Weg zum Berggipfel sonst nur an einem ganz bestimmten Ort  erfahren hatte: während der Lobpreis- und Anbetungszeit im Gottesdienst. Dieses tiefe Gefühl von Akzeptanz, die Gewissheit, uneingeschränkt geliebt und bejaht zu werden, das allein vermochte wirklich nur einer zu geben: Jesus! 

Wie oft hatte sich Martin ausgemalt, was er Jesus einmal alles sagen und fragen wollte, wenn er einmal vor ihm stände. Doch nun, als es endlich und unerwartet so weit war, konnte er weder etwas fragen noch sagen. Und merkwürdigerweise wollte er es auch gar nicht mehr.

Die Gedanken in Martins Kopf hörten auf, sich zu überschlagen. Ein tiefer Friede legte sich auf ihn. Jetzt, wo er neben seinem Freund und Herrn auf der Bank saß, kam alles in ihm zur Ruhe. Alles Dringliche und ach so Wichtige fiel von ihm ab. Alles Fragen und Klagen musste in der Gegenwart Jesu schweigen. Beide rutschten noch ein wenig näher zu einander hin. Und wäre jetzt ein Wanderer vorbei gekommen, er hätte das gleiche zufriedene Lächeln auf den Lippen der Männer erkannt, die gemeinsam in die Morgenröte schauten. Hier saßen zwei Freunde, die mit einander reden und auch mit einander schweigen konnten.


Martin Schrott







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