Vergiftetes Blut
- christliche Kurzgeschichte -





Vergiftetes Blut





Wieder war es Abend, die Kräfte waren weg. Müdigkeit überkam mich, als die Kinder schliefen.
Doch schlimmer noch war die innere Müdigkeit, denn meine Sehnsucht nach Geborgenheit und Frieden war wieder da, weil ich wieder über meine Schuld, meine vergangene Zeit ohne dich nachgedacht hatte.
Wieder war die Maske gefallen, hier in der Abendstille war ich nicht mehr stark, hier war ich, wieder so verzweifelt über mich und die Tränen rollten, als ich nach dir rief... " es tut mir so unendlich leid, Vater"

Wieder und wieder... was sollte ich nur tun, so schlief ich mit dem Gedanken ein und träumte in jener Nacht diesen Traum, und ich danke dir, denn dass du mit mir redest, ist mehr, viel mehr, als ich mir wünschen könnte.

Ich sitze in einer Art Eingangsraum wie einer Notaufnahme.
Ich habe seit langer Zeit Schmerzen am ganzen Körper.
Menschen aus meiner Vergangenheit haben mir Rat gegeben, mir versprochen, zu helfen, doch sie sind nicht da.
Ich bin erschöpft und müde.
So sitze ich da und frage mich, ob mir je jemand helfen kann.
Während ich so auf dem Stuhl sitze, beobachte ich das Treiben, das um mich herum so geschieht.
Zwei Menschen mit schweren Brandwunden werden herangetragen. Während einer mit fürchterlichen Schmerzensschreien stirbt, eilen viele weißgekleidete Geschöpfe dem zweiten zur Hilfe.
Eine kräftige Frau kommt dazu, die offensichtlich krank ist, obwohl sie keine sichtbaren Wunden hat. Sie spricht mit jemandem und schließlich höre ich sie laut und überzeugt sagen:
„Ich werde nicht hier bleiben, denn es muß doch noch eine alternative Möglichkeit geben dagegen. Ich werde danach suchen und nicht das tun, was dieser Arzt mir sagt“

Andere Menschen sehe ich mit tiefen Wunden, höre Stöhnen und Schreie.

Meine Schmerzen empfinde ich dabei als nicht so wichtig. Der Arzt und seine Gehilfen sind so sehr beschäftigt.
Also will ich warten, anderen geht es sichtbar schlechter.
Doch der Schmerz wird stärker, treibt mir die Tränen in die Augen. Ich vergrabe mein Gesicht in den Händen und presse stumme Schreie in mich hinein.
Ich kann kaum noch sitzen, krümme mich und beiße mir auf die eigenen Finger, damit ich nicht schreien muß.
Ich bekomme Fieber, kann nicht mehr klar denken, alles beginnt sich von Zeit zu Zeit vor meinen Augen zu drehen.

Ohne, dass ich es bemerkt habe, ist er plötzlich neben mir.
Sein weißer Kittel ist strahlend sauber, riecht frisch und klar.
Es wird still, all das Durcheinander und das Treiben um uns herum verschwindet im Hintergrund.
„Warum bist du nicht eher gekommen? Du vergräbst deine Schmerzen in deinen Händen, statt sie raus zu schreien. Warum sitzt du hier und presst alles in deinen Körper? Du sitzt hier in der Ecke und meinst, anderen würde es schlechter gehen...“
Er ist es, ich kenne seine Stimme, fühle seine Nähe. Er kennt mich, hat alles längst gesehen.
Mehr noch, er weiß besser als ich, wie schmerzverzerrt ich mich krümme und er weiß, wonach ich mich sehne.
„Du bist vergiftet. Auch wenn du selbst es nicht sehen kannst und meinst, anderen geht es schlechter- ich sage dir: Es ist höchste Zeit, dass ich dir helfe. Ich zeige dir, dass du sterben wirst, wenn du hier so sitzen bleibst.“
Und dann bekomme ich einen Blick in mich selbst hinein:
Meine Nieren sind kaputt, Blut tropft aus ihnen heraus mit jedem Pulsschlag; meine Leber ist zerrissen- mein ganzer Körper ist krank. Mit jedem Herzschlag pumpt mein Blut Gift, dass weder von Nieren noch von der Leber gereinigt werden kann, in meine Gedanken, mein Herz, meine Lunge und das Atmen wird schwer.
Tränen, Schmerzen, Angst, Scham... und ich schaue ihn an.
„keine Medikamente werden dir helfen, kein Rat von Menschen, du kannst nichts mehr tun.“
Sein Gesicht ist voller Liebe und Hoffnung, seine Hand legt sich um meine Schulter.

„Ich habe deine Schmerzen gesehen, auch wenn du dich dafür schämst. Es wird Zeit...“
Ich werde müde, schwach und spüre seine Wärme. Einen kurzen Moment überfällt mich die Angst noch, was wohl sein wird, wenn ich mich fallen lasse und nie wieder aufwache.

Ich bin vergiftet, alles kaputt, aber seine Gegenwart gibt mir Vertrauen.
Langsam weichen die letzten Kräfte aus meinem Körper, die Schmerzen verschwinden.
„Ich werde dich tragen und während du schläfst, werde ich dein vergiftetes Blut austauschen gegen meins. Du wirst heil werden und wenn du aufwachst, neue Kraft haben. Schlaf ein, es ist gut, ich bin dein Arzt.“
Ich werde ohnmächtig, spüre noch einen kurzen Moment, wie seine Hände mich auffangen, sanft und doch sicher nach meinem Körper greifen, seine Schritte, die mich wegtragen...
„Ich vertraue dir, Herr, mein Arzt“
„Ich mache alles neu, schlaf- ich bin ja da.“

"Herr prüfe mich, mein Herz, meine Nieren, du allein kannst vergeben, heilen und neue Kraft aus dir geben, du bist meine Quelle."



Gaby Klaus



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