Die christliche Jugend der 20er Jahre
- Erbauliches aus der Zeit vor 80 Jahren -



Wie der Herr mich führte (3)
Von Charles Stanley. Bericht aus der christlichen Jugendzeitschrift "Die Tenne" aus dem Jahr 1924






Abbildung "Wie der Herr mich führte" (2. Fortsetzung)



Mancher mag fragen, wie es mir möglich war, während meines ganzen Lebens an so vielen Orten zu predigen und zugleich für meine Familie zu sorgen. Ich machte die Erfahrung, daß für den Herrn nichts zu schwierig ist. Mein Geschäft habe ich erst aufgegeben, als mir der Herr genügend gegeben hatte, so daß ich davon leben konnte. Ich hatte es mir zur Gewohnheit gemacht, in der Woche drei- bis viermal zu predigen, zuweilen noch häufiger, die übrige Zeit arbeitete ich. Und in der Tat, oft stand mir der Herr in ganz besonderer Weise bei der Verkündigung seines Wortes bei, wenn ich den Tag über für mein eigenes Geschäft herumgereist war. Auch geschäftlich half mir der Herr oft auf ganz wunderbare Weise. Zwei Beispiele will ich anführen, wo ich seine Hilfe besonders nötige hatte.
Zu der Zeit, als ich das Ladengeschäft in Sheffield hatte, besaß ich nur ein kleines Kapital, verlangte auch nicht nach mehr. Ich hatte die Erfahrung gemacht, daß Gott sich in besonderer Weise derer annimmt, die auf Seine Hilfe rechnen. Einmal ging ich in meinem Laden auf und ab. Ich war lange abwesend gewesen, hatte die Hälfte der Zeit gepredigt. Nun hatte ich am nächsten Montag eine Rechnung zu bezahlen - und bin überzeugt, daß ein Christ stets am Fälligkeitstage zahlen sollte - in diesem Falle hatte ich aber weder das Geld, noch wußte ich, woher es kommen sollte. Im Gebet trug ich es dem Herrn vor; plötzlich wurden meine Gedanken auf einen großen Vorrat Schmirgel gelenkt, von dem ich viele Fässer hatte, die ich nicht verkaufen konnte. Ich sagte auch dies dem Herrn. "Wirf das Netz auf der rechten Seite aus", war die Antwort. "Herr, und welches ist die rechte Seite?" fragte ich. Sofort kam mir der Gedanke, Er müßte die rechte Seite sein. Da bat ich den Herrn, den Schmirgel für mich zu verkaufen, da ich es selbst nicht vermochte und vor allem nicht zu einem Preise, daß der Erlös gerade dem Rechnungsbetrage entspräche. Ich betete noch, da kam ein Herr in meinen Laden und fragte: "Haben Sie Schmirgel?" Ich bejahte und zeigte ihm die Ware. "Ja", sagte er , "daß ist gerade das, was ich gebrauche. Wieviel haben Sie davon?" Ich nannte ihm die Zahl der Fässer, zwanzigmal so viel als ich je in meinem Leben auf einmal verkauft habe, worauf er antwortete: "Wir nehmen alles zu dem Preise, den Sie mir nannten. Schicken Sie es uns morgen. Montag Vormittag ist unser Zahltag." Nachdem ich den Auftrag mit Dank angenommen hatte, sagte ich: "Erzählen Sie mir nun bitte, wie Sie zu mir gekommen sind, und aus welchem Grunde Sie gerade diese besondere Sorte Schmirgel gebrauchen können. Ich habe mir große Mühe gegeben, doch konnte ich ihn nirgends verkaufen. Ich hätte ihn zurückgeben lassen müssen, da er mir irrtümlich gesandt wurde." Er antwortete: "Ein Schleifer sagte mir, daß Sie die Sorte hätten, die wir nötig brauchten, und daher kam ich. Ich glaube es wohl, daß Sie ihn nicht haben absetzen können, da wir die einzige Fabrik sind, die diesen Schmirgel verwendet. Wir benutzen ihn zum Abschleifen von Sägen für den russischen Markt." Ich lieferte und erhielt dafür genau den Betrag meiner Schuld.
Ein anderes Beispiel der Fürsorge des Herrn will ich aus Hunderten herausgreifen, um dann weiter aus seinem Werke zu berichten. Jahre waren dahingegangen; ich war jetzt Sheffielder Kaufmann, der die Exporthäuser in Birmingham, London, Liverpool und Glasgow belieferte. Drei Tage hatte ich gereist und abends das Wort verkündigt, aber nicht eine einzige Bestellung hatte ich bekommen. Das war eine rechte Prüfung. Als ich in Birmingham eine Straße hinunterging, bat ich den Herrn, meine Schritte zu dem Hause zu lenken, wo ich einen Auftrag erhalten würde. Während ich noch betete, bekam ich das bestimmte Gefühl, daß ich gerade in entgegengesetzter Richtung gehen sollte. Nach einiger Zeit stand ich vor einem Hause, auf dessen Türschild der Namen einer Firma zu lesen war, jedoch ohne Angabe des Handelszweiges. Beim näheren Nachforschen stellte es sich heraus, daß es eine Lederhandlung war. "Herr", sagte ich, "das ist ja eine Lederhandlung. Das ist doch nichts für mich." Aber Gottes Geist schien mir zu sagen: "Geh'". Daraufhin ging ich hinein und gab meine Karte ab. Man führte mich in das Privatkontor, wo ich fragte, ob Sheffielder Waren für den Export gebraucht würden, wobei ich Australien nannte, da damals für diese Kolonien große Nachfrage bestand. Etwas überrascht sah der Geschäftsinhaber mich an und fragte: "Liefern Sie nach Melbourne?" Ich bejahte es und nannte ihm einige Firmen in der Nachbarschaft, die zu meiner Kundschaft zählten. Er öffnete das Bestellbuch, das ihm eine Angestellter gebracht hatte, und sagte dann: "Das ist wirklich merkwürdig. Wir sind eine Lederexportfirma, aber einer unserer Kunden in Melbourne hat uns soeben eine Bestellung auf Sheffielder Werkzeug gesandt. Davon verstehen wir nichts. Hier ist die Bestellung; und dann las er es vor. Es waren gerade die von mir gehandelten Sachen. Dann gab er den Auftrag, mir die Order zu überschreiben, die sich auf mehrere hundert Pfund belief. Dies war der Anfang einer langen und sehr angenehmen Geschäftsverbindung mit einem angenehmen Hause.
Wie will man dies alles erklären, es sei denn mit der liebevollen Fürsorge dessen, der Gebete hört und erhört. Die Geschichte dieser stets bereiten Liebe, auch wenn es sich um irdische Bedürfnisse handelt, würde Bände füllen. Seit meiner Kindheit war ich unterwiesen zu glauben, daß Gott unsere Gebete hört und erhört. Ein Erlebnis aus der Zeit kurz nach meiner Bekehrung will ich noch anführen. Ich war auf dem Felde etwa zwei Meilen von unserem Hause und hatte mein Mittagessen in eine Ecke gelegt. Ein Fohlen hatte es dort gefunden und nur ein kleines Stück Brot übrig gelassen. Auch Zunder und Feuerstein waren fort, so daß ich kein Feuer anmachen konnte; und es war Winter und kalt. Ich kniete nieder und betete um ein Feuer, und auch darum, daß der Herr das Stückchen Brot mir zum Mittagessen genügen lassen möchte. Ich fand den Stahl und bald darauf, als ich über das Feld ging, auch einen Feuerstein. Ich sammelte einige trockene Blätter und vermodertes Holz, und hatte bald ein Feuer. Dann setzte ich mich nieder, und sei es, daß der Herr das Stückchen Brot größer werden ließ, sei es, daß Er ihm vermehrten Gehalt gab, ich fühlte mich so befriedigt, als ob ich das beste Mittagessen gehabt hätte. Möchten wir alle mehr den kindlichen Glauben haben, der die Erfüllung der Gebete erwartet, wie klein auch der Gegenstand sein mag. Ob wir nach menschlichen Begriffen viel oder wenig erbitten, ist für den allmächtigen Gott gleich. Mit Seinem Maßstabe gemessen ist alles klein, was wir Ihm sagen können. Aber daß er selbst in den kleinsten Schwierigkeiten, die wir haben, sich unserer annimmt, ist wunderbar. Und die Erhörung unserer Bitten ist eine Freude für das Herz. Jesus sagt: "Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Was irgend ihr den Vater bitten werdet in meinem Namen, wird er euch geben". Ich denke immer mit ganz besonderer Freude an Seine liebende Fürsorge.
Seit meinem ersten Besuch in Uckworth vor ungefähr 43 Jahren bin ich dahin gegangen, wohin der Herr mich führte und habe darauf vertraut, daß der Herr durch den Heiligen Geist den Seelen Segen darreichen würde.
Man mag nun die Frage stellen, was ich darunter verstehe, dorthin zu gehen, wohin der Herr mich führt. Einige besonders augenfällige Beispiele will ich anführen.
Ich war nach Hull gefahren, um dort einige Rechnungen einzuziehen. Damals hatte ich erst ein kleines Geschäft, und da ich ziemlich sicher war, daß ich die Beträge erhalten würde, so hatte ich mir kein Geld eingesteckt. An einem Samstag Morgen versammelte ich mich mit einigen Christen aus verschiedenen Orten zum Gebet und zum Lesen des Wortes. Da legte es mir der Geist Gottes aufs Herz, daß ich nach Scarborough gehen solle, um dort zu predigen. Ich zog mich allein in ein Zimmer zurück und betete zum Herrn, um seine Bestätigung in dieser Angelegenheit zu erhalten. Er gab mir die bestimmte Zusicherung, daß ich gehen sollte. Damals war es noch eine weite Reise über York, und ich hatte nicht das Geld, um die Fahrkarte zu bezahlen. Aber der Herr wußte dies ja. Ich nahm meine Reisetasche und sagte meinen Bekannten, bei denen ich wohnte, daß ich den direkten Ruf erhalten hätte, nach Scarborough zu gehen. Ich war nie dort gewesen, kannte auch nur den Namen einer einzigen Person an diesem Orte. Aber wenn Gott Glauben gibt, dann ist es Glaube. Ich ging aus dem Haus, und gerade als ich die Stufen zum Fahrkartenraum hinaufging, rief mir ein Bruder zu: "Eben hörten wir, daß du dich gedrängt fühlst, nach Scarborough zu gehen und dort morgen das Wort zu verkündigen. Ein Bruder wünscht das Wort zu unterstützen und sendet dir dies (ich glaube es waren drei Pfund), zur Bestreitung deiner Unkosten."
Unterwegs hatten wir einen kleinen Zusammenstoß, gerade an der Ecke des Wagens, wo ich saß. Die Wand wurde eingedrückt, aber niemand kam zu Schaden, nur wurden wir durcheinander geschüttelt. Dieser Unfall gab Gelegenheit zu einem ernsten Gespräch mit einem schwerkranken, jungen Mitreisenden. Dabei stellte sich heraus, daß der junge Mann um sein Seelenheil besorgt war. Da er aber wie viele seinesgleichen glaubte, dem Werk Gottes durch eigenes Tun noch etwas hinzufügen zu müssen, so hatte er keinen Frieden. Ich glaube, Gott segnete Seine Botschaft an dieser Seele. "Es ist vollbracht!" war eine wunderbare, ganz neue Wahrheit für ihn. Als wir kurz vor Scarborough waren, bat seine Mutter, die ihn begleitete und die glücklich war über die Freude und den Frieden ihres Sohnes, daß ich während meines Aufenthaltes in Scarborough in ihrem Hause bleiben möchte. Ich lehnte mit herzlichem Dank ab und erklärte ihr, daß ich es nicht tun könnte, da ich an den Herrn eine Bitte gerichtet hätte, die mich hindere, ihre freundliche Einladung anzunehmen. Ich hatte den Herrn nämlich gebeten, die Person, deren Namen mir in Scarborough bekannt war, zum Bahnhof zu führen und sie mir zu zeigen. Als der Zug hielt, kam ein Herr auf mich zu und sah mich scharf an. In meinem Innern hieß es: "Das ist er!" Ich zögerte aber zunächst, etwas zu sagen und stieg aus. Der Fremde sah mich weiter an. Da kam mir der Gedanke, wie töricht es doch sei, erst zu beten und dann Gott nicht zu glauben. "Sind Sie vielleicht Herr L.?" fragte ich. "Der bin ich", war die Antwort, "und Sie sind Stanley von Sheffield, nicht wahr?" "Jawohl", sagte ich, "aber woher kennen Sie meinen Namen?" Nun berichtete er: "Bruder J. aus Hereford wurde mit diesem Zug erwartet, um morgen hier zu sprechen. Und dies ist der letzte Zug, morgen kommt keiner. Ich war recht enttäuscht, da fiel mein Auge auf Sie, und es war mir, als ob eine Stimme zu mir sagte: das ist Stanley aus Sheffield, ich habe ihn gesandt."
Kurz darauf war ich wieder in Hull; ich hatte am Sonntag gesprochen. Nach dem Mittagessen saß ich mit Bruder U.J. zusammen, als ich den bestimmten Ruf erhielt, auf einem Dampfer zu predigen. Ich sagte es Bruder J. "Um zwei Uhr fährt ein Dampfer ab, der gewöhnlich überfüllt ist von Leuten, die vom Markt kommen", lautete die Antwort. Ich bekam die Gewißheit, daß ich an Bord dieses Schiffes predigen sollte. Ich nahm meine Tasche, und Bruder J. zeigte mir den Weg. Damals gab es noch keinen Landungssteg, und als ich die Planke vom Hafendamm zum Schiff überschreiten wollte, rutschte sie ab und fiel ins Wasser. Ich konnte mich gerade noch am Dampfer anklammern und wurde an Bord gezogen. Das gab großen Lärm und Aufregung, und ich wurde kräftig durcheinander geschüttelt. In dieser Lage blickte ich auf zum Herrn, daß Er mich aufrichten und mir an Bord einen Gleichgesinnten zur Seite stellen möchte. Betend wanderte ich über das überfüllte Deck. Der Herr wies mich an einen Mann, der eben Platz genommen hatte. Ich setzte mich zu ihm und fragte ihn, ob er ein Christ sei. "Ja", antwortete er, "durch Gottes Gnade." Dann fragte ich: "Haben Sie Glauben?" und erzählte ihm, wie der Herr mich gesandt habe, um an Bord zu predigen, wie schwach ich mich aber fühle, und daß ich den Herrn um einen Helfer gebeten hätte. Er sprang auf, und mit den Worten: "Glauben und Werke" lief er davon. Jetzt war ich erst recht niedergeschlagen. Auf welch seltsame Weise bereitet doch der Herr Seine Boten für Seinen Dienst vor! Ich war nun klein genug, so daß der Herr mich gebrauchen konnte, als der Mann mit einem vor Freude strahlenden Gesicht zurückkam. "Alles ist fertig!" sagte er. "Was ist fertig?" fragte ich. Er erklärte mir: "Ich habe vom Kapitän die Erlaubnis erhalten, und einige Personen sind da, die ein Lied singen wollen." Er schlug ein Lied vor, das von ganzem Herzen gesungen wurde. Dann reichte mir der Herr die Kraft dar, daß ich während der ganzen Fahrt sprechen konnte. Die Leute verließen das Schiff an verschiedenen Orten. Damals wußte ich nicht, ob an jenem Tage eine einzige Seele den Herrn fand. Ich predigte den ganzen Nachmittag bis zum Abend.
Viele Jahre später, als ich dieses Erlebnis schon fast vergessen hatte, kam nach einer Versammlung in Birmingham ein Herr auf mich zu und sagte zu mir: "Ich glaube, Sie erinnern sich meiner nicht mehr." So war es in der Tat. Dann fragte er: "Erinnern Sie sich einer Predigt von 20 Meilen Länge?" "Auch daran nicht", sagte ich. "Nun denn", lautete die Frage, "erinnern Sie sich an die Predigt von Hull nach Thorne, sie Entfernung ist ungefähr 20 Meilen?" Da fielen mir die einzelnen Umstände wieder ein. Er, ein Prediger der Methodisten, war es gewesen, der mir damals so freundlich geholfen hatte. Er erzählte mir, daß er später in Selby stationiert gewesen wäre, und daß er von da aus die verschiedenen Städte und Dörfer am Fluß besucht hätte, wo der Dampfer anlegte. Den ganzen Fluß entlang hätte er Seelen gefunden, die an jenem Tage gerettet worden wären. So gibt der Herr nach vielen Tagen manchmal den Beweis, daß Sein Wort nicht fruchtleer zurückkommt. O welche Freude ist es, mit der vollen Gewißheit predigen zu dürfen, daß Seelen errettet werden!
Was für eine Freude wird es in der Gegenwart des Herrn bei Seinem Kommen sein, die Vielen zu sehen, die durch den Reichtum Seiner Gnade zu Ihm geführt wurden durch Seine schwachen Diener. O Tiefe des Erbarmens, nicht nur uns vom Wege in die Hölle gerettet zu haben, sondern uns auch als Kanäle des Erbarmens für andere zu benutzen. Der Apostel konnte sagen: "Denn wer ist unsere Hoffnung oder Freude oder Krone des Ruhmes? Nicht auch ihr vor unserm Herrn bei Seiner Ankunft?" So weit mir bekannt ist, habe ich nie jemanden von diesen lieben Kindern Gottes dort am Flusse gesehen. Ohne Zweifel sind heute, nach so vielen Jahren, viele beim Herrn. Ich werde mit ihnen in der Herrlichkeit zusammentreffen, wer weiß wie bald.
Ende



Hier gelangen Sie zu den Beiträgen aus der "Tenne", allesamt von 1924:


  1. Wie der Herr mich führte (1)
  2. Wie der Herr mich führte (2)
  3. Wie der Herr mich führte (3)
  4. Biblische Fragen und Antworten (1)
  5. Der Schlag auf die rechte Wange
  6. Sankt Stephan (Gedicht)



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