Silas
- christliche Kurzgeschichte -





Silas




Prolog

Es kam der Tag der ungesäuerten Brote, an dem das Paschalamm zu schlachten war, und er schickte den Petrus und Johannes weg und sprach:

„Geht hin und bereitet uns das Pascha, damit wir es essen.“

Sie aber sagten zu ihm:

„Wo willst du, dass wir es bereiten?“

Er sprach zu ihnen:

„Seht, wenn ihr hineinkommt in die Stadt, wird euch einer begegnen, der einen Wassertrug trägt; folgt ihm in das Haus, in das er hineingeht, und sagt zu dem Herrn des Hauses: Wo ist die Herberge, wo ich mit meinen Jüngern das Pascha essen kann? Er wird euch ein großes Obergemach zeigen, versehen mit Polstern; dort sollt ihr es bereiten.“  

Bei den Worten:

„Der einen Wasserkrug trägt“, wollte Johannes den Mund öffnen um eine Frage auszusprechen, aber ein kurzer Blick von Jesus veranlasste ihn zu schweigen. Petrus hatte  nichts bemerkt und war in Gedanken längst bei den praktischen Dingen, das Fest betreffend.

Der Blick von Jesus bestätigte Johannes Vermutung, dass es sich bei  dem Mann mit dem Wasserkrug um Silas handelte, einen Angehörigen der Essener. Er wusste, dass Jesus mit dieser Gruppe in Kontakt stand. Bekannt war ihm auch, dass Jesus ihre Anschauungen kannte, aber seine eigene Lehre von der ihren abwich.

Da Silas selbst den Wasserkrug trug, was sonst Aufgabe einer Frau gewesen wäre, gehörte er wohl zu dem engeren Kreis der Essener. Sie besaßen ein Haus in Jerusalem, das Jesus bekannt war.

„Das Leben der Essener war bestimmt durch Gütergemeinschaft rituellen Waschungen und strenger Askese. Ein engerer Kreis übte Ehelosigkeit, Frauen galten als kultisch unrein Die Essener lehnten die religiösen Kulte der Juden ab. Der Vorwurf: In Jerusalem würden sich die  Juden von der hellenistischen Kultur der Selekuiden, die vor den Römern dort herrschten, vereinnahmen lassen und die jüdischen Traditionen vernachlässigen.“(Wikipedia)

1.

Es war ein extrem heißer Tag gewesen, wobei man den Eindruck hatte, als würde der Wüstensand kochen. Inzwischen war die Nacht hereingebrochen und die Hitze des Tages wurde von einer ungewöhnlich kalten Nacht abgelöst.

Weder die eine noch die andere Temperatur wurde von Silas wahrgenommen. Er stand vor der Höhle und blickte fragend zum Sternenhimmel. Er sehnt sich so sehr nach einer Antwort, die ihm endlich den richtigen Weg zeigen würde, nachdem er seit langem vergeblich suchte.

Silas gehörte der Gruppe der Essener an. Die Brüder hatten aus ihrer Mitte zwölf Obere gewählt. Silas war einer von ihnen.

Jahre seines Lebens hatte er im guten Einvernehmen mit den Regeln gelebt, die seine Brüder und er als Richtschnur für ihr Leben und ihren Glauben an den Allerhöchsten aufgestellt hatten, angelehnt an das Gesetz, welches Moses vom Herrn empfangen hatte. Hierbei ging es darum, das Böse zu vernichten und durch das Gute zum Licht zu gelangen. Da sie schwache Menschen waren, galt es, allen Versuchungen zu widerstehen. Zu Hilfe kam ihnen dabei eine strenge Auslegung der Vorschriften den Sabbat betreffend, sowie verschiedene Kasteiungen. Zudem warteten sie voller Ungeduld auf die Ankunft des Messias, der das ganze Judenvolk erlösen würde. Dann würde endlich Schluss sein, mit der Unterdrückung durch die Römer. Diesen war es tatsächlich gelungen, dass einige Juden vom rechten Glauben abgefallen waren.

Das alles hatte Silas, ohne Widerstand zu leisten, befolgt. Er hatte nie einen Zweifel gehegt, dass ihre Lebensweise nicht die richtige war. Aber dann hatte er diesen Fremden getroffen. Er war ihm begegnet, nicht weit von ihrer Höhle, als er, wie aus dem Nichts, plötzlich vor ihm stand.

Obwohl die Körperhaltung des Fremden seine Erschöpfung verriet, waren seine Augen hellwach. Er sah Silas mit einem Blick an, der ihn bis sein Innerstes traf. Silas war wie gebannt und er konnte sich nur schwer von diesen Augen lösen, die alles über ihn zu wissen schienen.

Endlich besann er sich und bot dem Mann an, ihm in die Höhle zu folgen. Er nahm dankend an, erfrischte sich an den angebotenen Speisen und Getränken und blieb einige Tage bei Silas und seinen Gefährten.

Es war üblich, dass sich die Brüder nach dem Abendbrot trafen, um über ein Wort aus der Schrift zu diskutieren. Falles es Meinungsverschiedenheiten gab, so ging es nur um die Auslegung der Lehre, nie um die Richtigkeit deren Inhalt.

Der Fremde, von dem sie inzwischen wussten, dass sein Name Jesus war, hatte ihnen interessiert zugehört. Erst, an seinem letzten Abend bei ihnen ergriff er das Wort:

„Ihr habt mich, als es mir schlecht ging, sehr freundlich aufgenommen, habt mir zu essen und ein Lager gegeben. Nicht einmal habt ihr mich gefragt, woher ich komme und wer ich bin. Dafür danke ich euch sehr.“

Seit Jesus bei ihnen weilte, hatte Silas ihn kaum gesehen. An diesem Abend saß er ihm genau gegenüber. Als er zu sprechen begann, sah Silas ihn an und erschrak. Es hatte den Anschein, als ob von ihm ein Leuchten ausging. Es betraf nicht nur sein Gesicht, sein ganzer Körper war wie in Licht gehüllt. Silas schaute zu seinen Brüdern. Ob sie das auch bemerkten? Aber niemand von ihnen schien verwundert oder gar verwirrt. Silas wollte sich abwenden, aber wie von selbst suchten seine Augen immer wieder die von Jesus. Die Worte, die dieser sagte, drangen nicht in ihn sein Bewusstsein. Er wollte nur hier sitzen und dieser Stimme lauschen.  Wie bei ihrer ersten Begegnung dachte Silas, dass dieser Mensch seine tiefsten Geheimnisse kannte.

Der Sprecher der Gruppe antwortete Jesus:

„Es ist selbstverständlich, dass ein Gast uns willkommen ist. Es bedarf also keines besonders Danks. Wir haben dir unser Vertrauen geschenkt, vielleicht bist du bereit, uns auch deins zu schenken. Was ist dein Ziel?“

„Liebe Brüder, ich bewundere eure feste Haltung, eure Regeln betreffend. Ihr trennt sehr streng zwischen gut und böse. Euer Glaube an unseren Vater im Himmel stellt ihn so dar, als wäre er ein strenger Gott, der nicht verzeiht und Rache übt. Da ihr alle in der Schrift bewandert seid, möchte ich an König David erinnern. Er hatte schwer gesündigt, aber dann bereut und Gott um Vergebung gebeten. Gott hat ihn zwar bestraft, indem sein Kind sterben musste. Dann hat er ihm verziehen und ihm den Sohn Salomon geschenkt.

Bevor ich zu euch kam, habe ich vierzig Tage in der Wüste gefastet. Es galt meiner Vorbereitung der Aufgabe, zu der ich mich berufen fühle. Ich werde über das Land ziehen und die Menschen ermuntern, zu bereuen und umzukehren. Die Versuchung zum Bösen ist groß, aber man kann sie überwinden. Das gilt natürlich auch für jene aus unserem Volk, die sich dem Glauben der Besatzer angeschlossen haben. Gottes Erbarmen kennt keine Unterschiede.“

Der Sprecher erwiderte:

„Es ist richtig, dass wir eine andere Auffassung haben. Es steht uns nicht zu, dich zu kritisieren. Vielleicht wird uns bald der Messias geschenkt, der uns von allem Joch befreit. Jedenfalls sind wir bereit, dich immer wieder aufzunehmen, falls es nötig sein sollte. Gute Reise mein Freund.“

Diese letzten Sätze von Jesus hatte Silas gehört und sie erschütterten ihn zutiefst. Er erhob sich und rannte in die kalte Nacht hinaus.

2.

Von Galiläa aus hatte Jesus seine Wanderung durch das Land begonnen. Von Tag zu Tag folgten ihm mehr Menschen, um ihm zuzuhören.

Aus der großen Schar seiner Anhänger, wählte er zwölf aus, nach dem Vorbild der Stämme Israels, wie es auch die Essener getan hatten. Sie wurden seine engsten Vertrauten.

Jesus erzählte den Menschen von der Liebe Gottes. Er ermahnte sie, sich vom Bösen abzuwenden und zu bereuen. Der himmlische Vater werde sich ihrer erbarmen und ihnen verzeihen. Außerdem heilte er viele Kranke. Das Volk vermutete, dass er der Messias sei.

Silas hatte versucht, nicht mehr an Jesus zu denken. Aber immer wieder sah er ihn vor sich, und die Erinnerung an den Blick seiner Augen verfolgte ihn bis in seine Träume. Die Kunde von Jesu Wirken hatte inzwischen auch ihre Gemeinschaft erreicht.

Seine Mitbrüder hatten  Silas seit längerem beobachtet und seine Unruhe wahrgenommen. Da sie ahnten, dass diese mit dem Erscheinen von Jesus bei ihnen zu tun hatte, stellte n sie ihn zur Rede. Silas gab zu, dass ihm die andere Auslegung der Schrift, die Jesus predigte, sehr zu schaffen machte.

Der Sprecher sagte:

„Vielleicht solltest du dich an Ort und Stelle überzeugen. Ich gewähre dir Urlaub. Bleibe so lange wie nötig, denn hier störst du im Moment unsere Ruhe.“

Silas war dankbar, dass der Älteste ihn zu einer Entscheidung gezwungen hatte und machte sich auf den Weg.  

3.

Es waren schon mehrere Monate vergangen, und Silas folgte noch immer der Gruppe, die Jesus auf seinen Wanderungen begleiteten. Anfangs war es ihm sehr schwergefallen zu akzeptieren, dass außer den Männern auch eine große Schar Frauen Jesus folgten. Nach Auffassung der Essener waren diese unrein und nicht würdig, an religiösen Riten teilzunehmen. Von Jesus wurden sie gleichbehandelt. Er wohnte manchmal in ihren Häusern, und einige von ihnen sorgten für seinen Lebensunterhalt. Nach und nach musste Silas zugeben,  dass sie über ein großes Wissen der Schriften verfügten. Besonders war das bei Maria-Magdalena der Fall. Sie war eine sehr schöne und kluge Frau und Jesus besonders ergeben.

Bei ihnen war auch Maria, die Mutter Jesu. Silas konnte es nicht erklären, warum er so eine große Scheu vor ihr hatte. Sie strahlte Würde und Freundlichkeit aus, aber ihr Blick, dem von Jesus, ihrem Sohn ähnlich, hatte ein verborgenes Wissen, das Silas beunruhigte.  

Wenn Jesus lehrte, hörte Silas sehr aufmerksam zu. Obwohl er sich meistens im Hintergrund hielt, fühlte er manchmal, dass Jesus sehr wohl wusste, dass er da war. Ab und zu bildete er sich ein, dass er nur zu ihm sprach.

Das Grundthema all dieser Unterweisungen war stets das gleiche:

„Ich aber sage euch: Bereut und kehret um!“

Silas bedachte all diese Lehren gründlich. Tief erschüttert hatte ihn Jesu Wort, als eine Frau wegen Ehebruch gesteinigt werden sollte. Er hatte gesagt:

„Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.“

Bisher war Silas sich sicher gewesen, dass er auf dem richtigen Weg war. Stimmte das noch? War er ohne Sünde? Er hatte nur die Menschen geliebt, die gut waren. Sich selbst hatte er als unfehlbar gesehen. Waren die Bösen nicht die Feinde, die man hassen musste? Jesu Lehre sprach davon sie zu lieben. Meinte er etwa damit auch die Römer? Wenn er der Messias wäre, würde er nicht dann das Judenvolk von ihrer Knechtschaft erlösen? Er verwies dagegen immer auf das Reich seines Vaters im Himmel.

Dann gab es noch die vielen Wunder, die Jesus wirkte. Er hatte einen Blindgeborenen geheilt, einen Taubstummen, die Tochter eines Synagogenvorstehers, die eigentlich tot war, und noch viele andere. Selbst am Sabbat, der den Essenern besonders heilig war, hatte er ein Wunder gewirkt. Woher nahm er diese Kraft? Waren das nicht Zeichen, dass er doch der Messias war?

Wenn Silas es  nicht mehr aushielt, floh er für einige Tage in die Wüste. Sein Kopf musste wieder frei werden.

Er war sehr erstaunt, als er, wie rein zufällig,  dort Jesus begegnete. Ganz ungezwungen sagte dieser zu ihm:

„Wie ich weiß, wirst du und deine Essener Mitbrüder zum Paschafest auch in Jerusalem weilen. Kann ich mit meinem Gefolge den oberen Raum in eurem Haus für das Paschamahl haben?“

Silas antwortete:

„Ja, den brauchen wir nicht.“

„Gut, da ich weiß, dass du für euch der Wasserträger bist, wird das für Petrus und  Johannes das Zeichen sein, wo das Haus sich befindet. Sie werden dir dann folgen. Ich muss mich auf die kommenden Tage vorbereiten. Geh jetzt.“

Als Jesus Johannes erwähnte, zuckte Silas zusammen. Es war allgemein bekannt, dass dieser als der Lieblingsjünger von Jesus galt. Er konnte seine Eifersucht auf Johannes selbst nicht verstehen, denn er, Silas,  war nur ein Zweifler und gehörte nicht zu den Zwölfen. 

4.

Wenn Silas später an diese Woche dachte, war die Erinnerung so stark, dass er zu zittern begann.

Angefangen hatte es mit dem Einzug Jesu in Jerusalem. Das Volk hatte Zweige vor ihm ausgebreitet und ihm zugejubelt. Silas dachte:

‚Jetzt hat er die Römer provoziert. Wenn er der Messias ist, wird er seine Anhänger weiter um sich sammeln und die Besatzer aus dem Lande verjagen‘.

Wie angekündigt, feierte Jesus mit seinen Jüngern das Paschamahl. Danach ging die ganze Gesellschaft zum Ölberg.

Silas war ihnen gefolgt. Er hielt sich abseits und vernahm Stimmen, die beratschlagten, wie sie Jesus gefangen nehmen wollten. Zu Tode erschrocken bewegte er sich vorsichtig auf Jesus zu, der im Gebet verharrte und wollte ihn warnen. Jesus sah nur kurz auf und schüttelte den Kopf. Silas fuchtelte mit den Händen in Richtung der Kohorten. Zu spät, schon umringten sie ihn und führten ihn ab.

Silas folgte ihnen bis in den Vorhof des Hohen Priesters und weiter zu Pilatus. Er bekam alles aus nächster Nähe mit. Als Jesus gegeißelt wurde, zuckte Silas bei jedem Hieb zusammen. Er kannte die Schmerzen, die man dabei erlitt, nur zu gut. Die Gemeinschaft er Essener übte diese Kasteiung regelmäßig. Als er noch neu bei den Brüdern war, hatte er versucht, nichts zu spüren. Luftanhalten half nicht, und auch das Konzentrieren auf das Aufsagen der Psalmen wirkte nur begrenzt. Jesus nahm alles hin, ohne den geringsten Laut.

‚Warum erträgt er das? Er ist wohl doch nicht der Messias‘, dachte Silas und wollte nach Quanrum zurückkehren. Doch eine Macht, der er sich nicht entziehen konnte, ließ ihn auch dem Kreuzzug zum Kalvarienberg folgen.

Er sah Maria, die Mutter Jesu, Maria Magdalena und Johannes unter dem Kreuz stehen. Die anderen seiner Gefolgschaft waren geflohen. Er hörte von weitem, leise, aber doch zu verstehen, Jesu Worte:

„Es ist vollbracht“.

Silas sank auf die Knie und hörte einen Hauptmann sagen:

„Wahrhaftig, dieser war Gottes Sohn“


Quellennachweis:

Lukas 22 Vers 7-13

             8 Vers 1-3

Johannes 8 Vers 1-20

              19 Vers 30

Matthäus  4 Vers 18

                 5 Vers 21, 26, 38-42, 43,48

                 2 Vers 3-12

                 3 Vers 1-6

Markus 7 Vers 31-37

             5 Vers 21, 36-42

2. Samuel 12 Vers 13-24


Regina Hesse



weitere Texte dieser Autorin:
Der Levit
Malchus
Maria, die schmerzhafte
Rinah
Sara
Rabbea



Startseite: www.christliche-autoren.de
Übersicht Kurzgeschichten: christliche Kurzgeschichten


In christliche-autoren.de suchen:


• für www.christliche-autoren.de

www.christliche-autoren.de - Ein evangelistisches Projekt gläubiger Christen.
In Kooperation mit Lichtarbeiter & Jahreslosung 2012 & Bibelstudium