Seine Braut
- christliche Kurzgeschichte -





Seine Braut




Zugegeben, es hatte sie ihr ganzes Vermögen gekostet. Es war wahrhaftig verschwenderisch. Doch was hatte sie zu verlieren? Vor der riesigen, dunklen Tür atmete sie noch einmal tief durch. „Ja, es ist richtig, absolut“, sprach sie sich selbst Mut zu und betrat den Raum.

Sie hatte Ihn sofort im Blick. Auch Er bemerkte sie sogleich. Er lächelte. Auf leisen Sohlen schlich sie sich an Ihn heran. Der ganze Raum hielt den Atem an. Danach wurde sie erschossen, nicht durch herkömmliche Waffen, sondern durch unzählige, umherfliegende Gedankenpfeile. Peng und tot.

Er lächelte immer noch. Sie hielt den Blick gesenkt. Sie wusste, wer sie in den Augen der Vielen war, nämlich eine von denen, mit der des Tages niemand gesehen werden wollte. Um nichts in der Welt. Nachts galten andere Gesetze.

In jungen Jahren hatte sie sich unzählige Gedanken über ihr verpatztes Leben gemacht. Sie ging hart mit sich ins Gericht, bis zur eigenen Zerfleischung. Kein Mensch kann so etwas lange aushalten. Als der Selbsthass sich dazu gesellte, hatte sie verloren. Sie gab auf.

Gott sei Dank konnte sie noch hören. Manchmal. Die Kunde von dem Mann aus Nazareth verbreitete sich schnell im ganzen Land. Er tat Zeichen und Wunder, so sagten die Leute. Er heilte Kranke. Einmal predigte Er auf einem Berg und was Er sagte, war so anders, war immer so anders.

Immer, wenn Sein Name fiel, Er hieß Jesus, begann es in ihrem Inneren heller und wärmer zu werden. Zuerst bemerkte sie dieses Geschehen kaum. Sie hatte es verlernt, sich selbst zu spüren, was in ihrem beruflichen Lebensumfeld durchaus von Vorteil war.

Eines Abends schien ein irgendwie anders geartetes Leben ihr die Hand zu reichen. Sie merkte auf. Zu sehen war nichts. Darum hatte es ihr hervorstechendster Wesenszug leicht, sich Gehör zu verschaffen. Er hieß Misstrauen und säuselte: Freude ist trügerisch.

Die ihr entgegen gestreckte Hand war nicht gewillt, sich zu verabschieden. In Treue blieb sie viele Monate an ihrer Seite. Ganz leise erwachten feine, zarte Empfindungen in ihr. Sie begann sich behutsam nach Veränderung zu sehnen. Zaghaft machte sie sich auf die Suche.

Doch was suchte sie eigentlich? Eine Hand? „Vielleicht kann dieser seltsame Prediger mir helfen?“ erreichte sie ein Gedanke. Er kam mit einer übernatürlichen Einladung daher. Sie erlauschte ihn und vernahm ein: „Komm!“

„Ich bin Jesus“, wurde sie am nächsten Morgen von einer festen Stimme geweckt. Sie lachte. „Ich habe gelacht“, dachte sie, „am frühen Morgen gelacht.“ Und wie, wenn ein Parfumfläschchen zerbricht und seinen kostbaren Duft verströmt, begann sich neues Leben in ihr zu regen.

„Ich war tot und nun lebe ich“, sagte sie bald darauf jedem, der es hören wollte oder auch nicht. Alles in ihr drängte voran, sehnte einen neuen Lebensausdruck herbei. Sie musste den Ruf erwidern. Sie musste der Liebe ihres Lebens antworten.

Ein wenig scheu kniete sie sich jetzt vor Jesus nieder. Sie nahm das sündhaft teure Fläschchen, randvoll gefüllt mit feinstem, reinen Nardenöl und zerbrach es. Sofort erfüllte ein paradiesischer Wohlgeruch den ganzen Raum mit Herrlichkeit.

Sie goss das wohlriechende Öl über Ihm aus und begann zu weinen. Ihre Tränen flossen über ihre Wangen, um dann auf Seine nackten, müden Füße zu tröpfeln. Dabei legte sich ihr schwarzes, langes Haar wie ein Schleier über Seine Füße und trocknete sie.

Er schloss seine Augen. Er dachte an Seine bevorstehende Kreuzigung. Er war bereit zu sterben. Es musste geschehen. Wie sonst könnte das Geheimnis der Brautgemeinde gelüftet werden? Wie sonst könnten Menschen sich auf Seine Seite stellen, um auf ewig mit Ihm eine übernatürliche Liebesbeziehung einzugehen? Wie sonst könnte Seine leidenschaftliche Liebe sich zur Einheit hin entfalten?

Der Liebesdienst der allseits verachteten Frau, erschien Ihm wie eine vorausgehende Salbung Seines geschundenen Leichnams. „Danke, meine Liebe“, sprach Sein verwundetes Herz. „Ich sehe dich. Du bist mir Ermutigung und Trost für das, was kommen muss.“

Weil sehende Herzen mitfühlen, durchlitt Er die Qualen der Frau zu seinen Füßen, als wären sie die seinen. Er sah die Ungeborgenheit seiner Zukünftigen in dieser Welt, hörte ihren lautlosen Hilfeschrei. Innerlich erschüttert weinte Er: „Vater, erbarme dich.“

Gott sei Dank, wusste Er um die Erfüllung jeglicher prophetischer Erwartungen. Alles würde wieder gut werden, wie es von Anbeginn der Schöpfung an gewesen war. Ahnten die Anwesenden überhaupt, was hier vor sich ging? Wussten sie, dass sie sich einst ebenso würden beugen müssen?

„Wie beispielhaft du für alle anderen bist, Frau“, seufzte Er, von Gefühlen der Zärtlichkeit übermannt. Seine Zukünftige sah müde aus und hungrig und durstig. Wie anders könnte ein Mensch in dieser Welt auch aussehen? Darum sehnte sich Seine Braut nach Ihm. Darum hatte sie Seine baldige Erscheinung so lieb.

Ihre Gedanken erwärmten Sein Innerstes. „Du bist atemberaubend schön. Du bist schöner als ich es je erträumte. Du bist so makellos rein und schöner als alle Schönheit. Vollkommenheit ist dein Kleid. Du bist wie der kostbarste Reif, wie der feierlichste Schmuck auf Erden“, flüsterte Sein Herz und blickte vorausschauend in ihre zukünftige, himmlische Eheherrlichkeit hinein.

Und es geschah, dass auch ihr Herz innerlich aufwallte, himmlische Höhen erklomm, um für ihren König zu singen: „Du bist der Schönste unter den Menschenkindern.“ Daraufhin verließ Er den Raum, um sich für sie kreuzigen zu lassen.


Annegret Vietor



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