Sara
- biblische Kurzgeschichte -





Sara




Der Morgen war kühl. Leichte Nebelschwaden zogen über den Erdboden. Überall zwischen den Gräsern hatten sich Spinnennetze ausgebreitet. Die Feigenbäume hatten ihre wenigen Früchte abgeworfen.
Mühsam erhob sich Sara und schüttelte die Blätter und die abgebrochenen Zweige der Weidenhecke aus ihrem Haar. Dann reinigte sie ihren groben Wollumhang, den sie von einer ihrer Mägde entliehen hatte vom Staub der Erde. Sie trank einen tiefen Schluck Wasser aus dem mitgenommenen Schlauch.
In letzter Minute hatte sie sich mit ihrem Esel vor den Schafhirten ihres Mannes verstecken können. Das hätte ein schönes Gerede gegeben: Ihre Herrin ohne jede Begleitung in der einsamen Steppe. Vielleicht wäre sie ja unerkannt geblieben in der für sie ungewöhnlichen Kleidung, aber ihre Körpergröße hätte sie wahrscheinlich verraten.
Nein, es brauchte niemand zu wissen, dass sie unterwegs war. Ihre alte Magd, die ihr morgens immer frischen Tee ins Zelt brachte, würde sie inzwischen vermissen. Aber sie kannte Saras spontane Entschlüsse und würde so schnell nicht Alarm schlagen.
Mühsam bestieg sie ihren Esel und setzte den Ritt fort.
Seit dem frühen Morgen folgte Sara Abraham und wahrscheinlich auch Isaak. Durch ihre unfreiwillige Pause hatte sich der Abstand zu ihm vergrößert. Aber sie konnte sich ungefähr denken, wohin sein Weg führte.
Die ganze Nacht hatte Abraham im Schlaf gesprochen. Leider hatte Sara nur einzelne Worte verstanden. Es war von einem Opfer die Rede gewesen, einem Ort Morija und zu Saras Bestürzung auch von Isaak, ihrem gemeinsamen Sohn.
Abraham hatte stöhnend seinen Kopf hin und her geworfen. Dabei waren einzelne Tränen aus seinen Augen geflossen. Sie hatte versucht ihn zu wecken, was ihr nicht gelungen war. Später war sie selbst in einen unruhigen Schlaf gefallen. Als sie erwachte, hatte Abraham das Lager bereits verlassen. Sie sah in Isaaks Zelt nach und als sie dieses leer fand, hatte sich ihre unerklärliche Angst noch gesteigert.
Schon seit Tagen beobachtete sie Abraham. Kaum war er im Zelt, so ging er wieder hinaus und lief sinnlos hin und her. Mal ging er bis zu den Weiden, aber er sprach nicht mit den Hirten. Der Oberhirte hatte ihr erzählt, dass er ihnen auch keine Anweisungen gab. Die Speisen, die Sara ihm vorsetze, berührte er kaum. Ständig murmelte er vor sich hin. Als Sara ihn fragte was los sei, war er erschrocken zusammengefahren und hatte nur gesagt:
"Es ist nichts."
Weiter war ihr aufgefallen, dass er ungewöhnlich sanft mit Isaak umging, den er sonst immer sehr streng behandelte.
Wusste er wirklich nicht, dass er nichts vor ihr verbergen konnte?
Es musste etwas sehr Schlimmes sein, wenn er es ihr nicht erzählte. Sie lebten schon so lange zusammen, dass sie aufgehört hatte die Jahre zu zählen. Vertraute er Sara nicht mehr, oder wollte er sie schonen? Sie musste unbedingt herausfinden was Abraham vorhatte. Vielleicht war sie auch zu ängstlich, weil es mit Isaak zu tun hatte. Sara hing sehr an ihrem Sohn der sie endlich von dem Makel der Unfruchtbarkeit befreit hatte. Erst im hohen Alter war sie Mutter geworden und die Geburt des Knaben hatte sie um Jahre verjüngt.
In Gedanken versunken ritt sie bis zur Mittagszeit weiter. Wo war nur Morija?
Bis jetzt war nichts von einer Ansiedlung zu sehen, weit und breit nur Steppe und ab und zu ein paar Büsche. Sie war ein paar undeutlichen Spuren gefolgt, von denen sie hoffte, dass sie von Abrahams Esel stammten.
Erschöpft lagerte sie hinter einem Busch und trank das letzte Wasser aus dem Schlauch. Dazu aß sie ein paar getrocknete Feigen, die sie zum Glück eingesteckt hatte. Sie streckte sich aus und kurz drauf war sie auch schon eingeschlafen.
Das Blöken von Schafen weckte sie auf.
Vor ihr stand ein Hirte, der nicht zu Abrahams Leuten gehörte, ihr aber seltsam bekannt vorkam. Er nahm ihre Hand und half ihr aufzustehen. Dann gab er ihr von seinem Wasservorrat zu trinken. Zunächst wollte sie ablehnen, aber ihr Durst war stärker. Als sie sich bedankt hatte sagte er:
"Nun Sara, langsam bist du zu alt für solche Strapazen."
Sara erschrak. Der Fremde kannte sie und diese Stimme hatte sie schon einmal gehört. Es wollte ihr nicht einfallen, wo und wann das gewesen war.
Der Fremde fuhr fort:
"Dein ganzes Leben warst du schon ungeduldig. Niemals konntest du abwarten und wolltest immer in das Schicksal eingreifen. Ist es nicht so?"
"Wie meinst du das?"
"Denke mal an Hagar."
Sara war wütend. Ausgerechnet von Hagar sprach er! Diese Geschichte wollte sie endlich vergessen. Damals war sie der Meinung gewesen, dass Abraham einen Sohn haben müsse. Als sich ihre eigene Unfruchtbarkeit heraus stellte, hatte sie ihm ihre Magd Hagar zugeführt. Was wusste dieser Mann von ihren unzähligen Tränen die sie geweint hatte, wenn Abraham bei der Magd war! Wie hatte sie sich geschämt, wenn sie ihre Mägde tuschelnd antraf, die genau Bescheid wussten und bei ihrem Anblick auseinander stoben. Es vor kurzem war es Sara gelungen Hagar und ihren Sohn Ismael los zu werden. Sie hatte lange auf Abraham eingeredet und erst ihr Einwand, dass Hagar den Ismael nicht im Glauben an den einen Herrn erzog, sondern ihn ihre heidnischen Götter lehrte, hatte ihn bewogen die beiden zu verstoßen. Aber ganz waren sie noch nicht fort. Sara spürte sie zwischen sich und Abraham liegen, wenn er bei ihr war. Täglich quälte sie der Gedanke, ob Abraham an sie dachte und sie sogar vermisste.
Was ging diesen Fremden ihr Leben an? Sie wollte ihm eine grobe Antwort geben, aber als sie ihn ansah fürchtete sie sich vor ihm. Seine Augen waren es, die sie erzittern ließen. Nein, wie Lots Frau wollte sie nicht enden. Sie lehnte sich an ihren Esel um ihre Schwäche zu verbergen.
Der Fremde sah sie erneut an und sagte:
"Wenn du mehr Vertrauen gehabt hättest, wäre dir diese Geschichte erspart geblieben. Hatte Gott nicht einen Bund mit Abraham geschlossen, als er euch nach Kanaan schickte? Da war von einem 'großen Volk' die Rede zu dem Gott Abraham machen wollte. Du hast diese Verheißung gekannt."
Sara dachte: "Ja, ja, aber immer alles aus zweiter Hand. Abrahams Gott ist wohl nur ein Gott für Männer. Und doch habe ich alles geglaubt was Abraham mir erzählte. Aber wer zählt die Stunden, Tage und Jahre an denen ich auf die Erfüllung der Verheißung gewartet habe?"
Vorsichtshalber hielt sie den Kragen ihres Umhangs vor den Mund, damit kein Laut dieser Gedanken entschlüpfen konnte.
Plötzlich wusste sie, wo ihr der Fremde schon einmal begegnet war. Er war um die heiße Mittagszeit mit zwei anderen Männern bei Abrahams Zelt erschienen. Sara hatte ihnen einen Kuchen zubereitet. Als sich die Männer gestärkt hatten versteckte sich Sara hinter dem Zelteingang und belauschte ihre Gespräche.
Einer von ihnen sagte:
"Im nächsten Jahr um diese Zeit werden wir wieder kommen. Dann hat deine Frau Sara einen Sohn geboren."
Sara hatte laut gelacht, denn es ging ihr nicht mehr nach Frauenart.
Genau dieser Fremde, der jetzt vor ihr stand, hatte sie wegen ihres Lachens gerügt.
Als hätte er ihre Gedanken gelesen sagte er:
"Nun hast du also doch deinen Sohn bekommen. Trotzdem hast du noch immer kein Vertrauen! Hat Gott sich nicht immer um dich gekümmert, auch damals in Gera, als Abraham dich wegen deiner Schönheit als seine Schwester ausgab? Er hat dem König viele Plagen geschickt um dich zu erretten."
Auch das wusste er. Beschämt senkte Sara den Kopf. So hatte sie ihr Leben noch nie gesehen. Sie kam sich sehr undankbar vor, denn es stimmte: Gott hatte immer seine Hand über sie gehalten. Es tat ihr Leid, dass es ihr nicht eher klar geworden war. Wenn sie doch so viel Vertrauen auf Gott haben könnte wie Abraham! Es würde ein wunderbares Gefühl sein sich ganz auf ihn zu verlassen. Von jetzt an wollte sie es wenigstens versuchen.
Trotzdem erzitterte ihr Herz bei dem Gedanken an Isaak ihren Sohn. Wenn sie wenigstens wüsste, was Abraham mit ihm vorhatte.
Kopfsschüttelnd sah sie der Fremde an.
"Sara, Sara, zweifelst du noch immer? Steige auf deinen Esel und reite nach Hause. Deinem Sohn wird nichts geschehen."
Sara konnte die Tränen der Freude nicht unterdrücken.
Sie fühlte sich leicht und beschwingt. Eine große Last war von ihr genommen.
Als sie ihre Augen erhob um dem Fremden zu danken, war von ihm und seiner Herde nichts mehr zu sehen.



Regina Hesse



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