Malchus
- christliche Kurzgeschichte -





Malchus




Es war die Zeit des Pessachfestes. Wie in jedem Jahr, so stürmten auch in diesem Hunderte nach Jerusalem, um hier das Fest zu feiern. Für die römische Besatzungsmacht war das ein Gräuel. Es war immerhin zu befürchten, dass es zu einem Aufstand kam. Um ein Blutvergießen zu vermeiden, hatten sich die Hohepriester, Hannas und Kaiphas, bereit erklärt, dass ihre Knechte, zusammen mit den Kohorten der Römer, verstärkt für Ordnung sorgten. Diese Knechte verfügten zwar über eine geringe Macht, vielleicht waren sie eher dazu imstande, eine mögliche Revolte ihrer Landsleute im Keim zu ersticken. Den Römern war klar, wie unbeliebt sie waren. Sie kannten auch die Sehnsucht der Juden nach einem Erlöser. Seit einiger Zeit zog ein Mann durch die Lande, mit Namen Jesus, den einige für diesen Befreier hielten. Er galt beim Hohen Rat, genau wie bei dem römischen Statthalter, als eine Gefahr für die Ruhe. Den Juden war er verhasst, weil er sich als der Messias ausgab, den Besatzern, weil er immer mehr Anhänger um sich scharte, und als der neue König gehandelt wurde. Beide Gruppen überlegten schon länger, wie sie ihn loswerden könnten. Da er ständig umherzog, wusste man nie genau, wo er sich aufhielt.
Da erschien, ausgerechnet kurz vor dem hohen Festtag, einer seiner Jünger, Judas mit Namen, und verriet ihnen seinen Aufenthaltsort. Den Juden, und auch den Römern war klar, dass seine Festnahme so unauffällig wie möglich stattfinden musste. Sie besprachen sich und legten den Zeitpunkt in die Abendstunden.
Zu den Knechten der Hohepriester gehörte ein junger Mann namens Malchus. Er war ein gläubiger Jude, nicht außergewöhnlich fromm, aber für diesen Dienst schien er geeignet. Ohne zu murren führte er die ihm aufgetragenen Befehle aus. Er dachte nicht viel über ihre Konsequenzen nach, die er nicht zu verantworten hatte. Auch er hatte von Jesu Wirken gehört. Einzelheiten seiner Lehre waren im nicht bekannt, nur die eine, dass man auch seine Feinde lieben müsse. Flüchtig dachte er, ob das ein Grund war, ihn zu fürchten? Zurzeit war der Dienst sehr anstrengend und dauerte den ganzen Tag bis spät in die Nacht. Da blieb keine Zeit zum Grübeln.
Eines Morgens, in der Woche vor dem Festtag, erwachte er schweißgebadet. Normalerweise schlief er tief und traumlos. Dieser Nacht war es anders gewesen. Etwas hatte ihn im Traum tief beunruhigt. Es wusste nicht mehr, was es gewesen war, aber ein dumpfes Gefühl, das er nicht beschreiben konnte, hatte von ihm Besitz ergriffen. Er schüttete sich Hände voll kalten Wassers ins Gesicht, das dunkle Etwas ließ sich nicht vertreiben. Den ganzen Tag war er nicht recht bei der Sache. Seine Hoffnung auf einen frühen Feierabend machte ein Befehl zunichte. Bei diesem ging es um eine Gefangennahme, die am späten Abend im Garten Gethsemani, der am Fuß des Ölbergs lag, erfolgen sollte. Als Malchus von seinen Kameraden erfuhr, dass es sich dabei um Jesus handelte, verstärkte sich das unangenehme Gefühl. Ärgerlich über sich selbst nahm er sich zusammen.
Wie befohlen zogen sie am Abend, gemeinsam mit einer Kohorte der Römer und dem Jünger, der ihn verraten hatte, zu diesem Garten. Ohne dass es Malchus bewusst war, blieb er immer weiter zurück, bis ihn einer seiner Mitknechte zur Ordnung rief. Im Garten angekommen, beleuchteten sie den Weg mit ihren Laternen. Als sie eine Gruppe Männer erblickten, blieben die ersten der Rotte stehen. Malchus erschrak, als er sah, dass einer nach dem anderen zu Bodens stürzte. Was war da los? Er schob sich weiter nach vorne und sah Jesus dastehen mit einer Schar Männer, die wohl seine Jünger waren. Jesus sagte etwas, das Malchus nicht verstand. Ehe Malchus reagieren konnte, stürzte sich ein Mann mit einem Schwert auf ihn und hieb ihm das rechte Ohr ab. Im gleichen Augenblick schob Jesus den Mann zur Seite. Er nahm das Ohr und legte es bei Malchus an den Kopf. Es war geheilt. Zu dem Mann mit dem Schwert sagte er:
„Stecke dein Schwert in die Scheide. Jeder, der zum Schwert greift, wird durch das Schwert umkommen.“ (Johannes 18,21; Matthäus 26,51)
An die Geschehnisse, die darauf folgten, konnte Malchus sich erst Wochen später erinnern. Doch egal, ob er schlief oder wach war, immer wieder hörte er diesen Satz von Jesus:
„wird durch das Schwert umkommen“.

Er war nicht mehr imstande, seinen Dienst zu verrichten. Die Hohepriester waren froh, als er seinen Abschied einreichte. Den Zeugen einer Wunderheilung konnten sie nicht gebrauchen, zumal es jetzt ein Gerücht gab, dass der gekreuzigte Jesus auferstanden sei.
Malchus wanderte ziellos durch die Gegend, bis er sich weit ab von Jerusalem in einer einsam gelegenen Hütte niederließ. Er, der nie viel nachgedacht hatte, grübelte Tag und Nacht. Warum war Jesus gekreuzigt worden, wo er doch der friedlichste Mensch war, dem Malchus je begegnet war. Und weshalb war gerade zu ihm, Malchus, und zu keinem aus der Kohorte oder einem Mitknecht, dieses Wunder widerfahren. Es musste doch einen Grund geben.
Als Malchus eines Tages am Wegesrand Beeren pflückte, kamen zwei Männer vorbei, die sich heftig stritten. Genau neben ihm machten sie Halt und ihr Streit wurde immer heftiger. Die Härte ihrer Worte glichen der scharfen Klinge eines Schwertes. Als sie Anstalten machten, mit den Fäusten aufeinander loszugehen, griff er ein.
Zunächst ließ er sich genau erklären, worum es ging. Beide Männer redeten gleichzeitig, dann aber wurden sie ruhiger und legten die Gründe ihres Streites dar. Malchus gelang es, dass jeder den Standpunkt des anderen begriff. Trotzdem dauerte es noch weitere Diskussionen, bis sie eine Lösung fanden und sich friedlich trennten. Das machte Malchus froh.
War das ein Zeichen, auf das er so lange gewartet hatte?
Niemand wusste später zu sagen, ob dieses Ereignis die Ursache dafür war, dass immer mehr Menschen Malchus aufsuchten, wenn sie aufgrund eines Streites nicht mehr weiter wussten. Mit der Zeit bekam er Übung darin. Falls er einmal nicht mehr weiter wusste, berührte er sein von Jesus geheiltes Ohr. Wenn er dann die ihm so vertraute Stimme hörte, die ihm jetzt nicht mehr Angst machte, wusste er augenblicklich eine Lösung.
Die Menschen boten ihm viele Geschenke an. Malchus nahm nie mehr, als er für sein Leben brauchte. Er war mit seinem Los versöhnt. Sein Schwert war endgültig in die Scheide gesteckt.



Regina Hesse



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