Die hellste Kerze
- bringt dich doch noch nach Hause -





Die hellste Kerze






Morgen ist der 1. Advent, morgen beginnt wieder die Zeit des Jahres, in der der Kamin besonders warm knistert; die Fenster hell beleuchtet ihre Schatten auf den weißen Schnee im Garten werfen; im Radio die besinnlichen Lieder des bevorstehenden Festes gespielt werden...

Maria sitzt nachdenklich in ihrem Zimmer im Wohnheim.
Letztes Jahr um diese Zeit wohnte sie noch bei den Eltern zu Hause.
All die vorweihnachtlichen Abläufe kennt sie.
Maria ist darin aufgewachsen- das Plätzchenbacken, die klebrig verschmierten Teigfinger...
Die Chorproben in der großen Stadtkirche als Übung für den „großen Auftritt“ in der Christmesse...
Das heimliche Geschenke-Kaufen, die schmunzelnden Gesichter, wenn sie und ihre Geschwister schon im Voraus durch geschickte, kindliche Fragetechnik versucht hatten, die Art der Überraschungen aus den Eltern zu pressen...
Bald ist es wieder so weit.

Maria sitzt im Dunkeln des Zimmers.
Nicht wie früher- viele Kisten, die bunte Männchen hervorbrachten, glänzende Kugeln für die Weihnachtsdekoration, viele gemütliche Kerzen auf Weihnachtskugeln aufgesteckt, die es heimelich, warm und hell machten... nicht wie früher, wenn die Familie miteinander lachte, sang, sich gemeinsam vorbereitete.

Maria sitzt mit einer einzigen flackernden Kerze nachdenklich in ihrem einsamen Zuhause.

Einsamkeit - kennst du das?
Was für die meisten Menschen die Zeit der Vorfreude auf das „große Fest“ ist, wird für manche Menschen zur einsamsten, traurigsten Zeit und macht ihre Seele tonnenschwer.
Einsamkeit erstickt schnell die Vorfreude.




Als sie im Februar von den Eltern auszog, war sie froh, endlich „auf eigenen Beinen“ zu stehen.
Als sie im März die Ausbildung anfing, war sie stolz, dass sie zu den besten in der Klasse zählte und ihr eigenes Geld verdiente.
Als es Sommer wurde, investierte sie all das frisch verdiente Geld in einen alten, brummenden Polo, der aber für sie Freiheit und Unabhängigkeit bedeutete.
Der Herbst verging voller Stress und Hektik, denn Maria traf sich, wann immer sie konnte, mit ihren neuen Freunden.

Nun ist es Dezember, morgen Advent- Maria starrt auf die Kerze und fühlt sich einsam.
Irgendetwas fehlt in diesem Zimmer, doch erst heute fällt ihr das auf, denn erst heute sitzt sie hier und fühlt „Weihnachten“ nicht.

Alle anderen Freunde sind über die Wochenenden nach Hause gefahren, „weil es doch Advent ist“.
Doch ihr Zuhause- immer wieder fliegen die Gedanken zurück in vergangene Jahre...
Mit den Eltern hatte Maria sich gestritten, weil sie keine Zeit für Telefonate, Briefe oder 500km lange Heimfahrten hatte- irgendwann zwischen Mai und September hatten sie sich aus den Augen verloren...

Zu Hause- Maria denkt zum ersten Mal nach, kommt am Vorabend der „stillen Adventszeit“ zur Ruhe.
Aber diese Ruhe ist unruhig für sie.
Zu stolz, um die Eltern anzurufen; zu einsam, um spazieren zu gehen in der kühlen, verschneiten Nacht; zu dunkel in diesem Zimmer, um wieder dieses vertraute Vorweihnachtsgefühl zu bekommen...

Advent und Weihnachten - wo wirst du sein, wenn die „stille Zeit“ beginnt?
Nimmst du dir vielleicht nicht mal die Zeit, um wie Maria nach zu denken? Hast du schon eine nicht- enden- wollende Liste voller Erledigungen? Keine Zeit für Ruhe und Besinnung?
Doch in jedem Menschen steckt diese Sehnsucht nach Geborgenheit, Schutz, Ruhe- „Zu Hause“ - sie ist dir ins Herz gelegt.


Da klopft es an der Tür.
Schnell springt Maria auf, wirft einen Blick auf die Uhr – weit nach 8 Uhr abends - wer wird das wohl sein? Vielleicht doch noch ein Freund, der noch hier ist und jetzt mit ihr ein wenig plaudern möchte?
Ja, so wird es sein...
Voller Erwartung reißt Maria die Zimmertür auf.

„Ach du bist es nur!“
Marias Enttäuschung ist unschwer aus ihrer Stimme zu erkennen.
Matze steht da, der Pförtner des Wohnheims.
„Ich wollte dir das noch vorbeibringen, das kam heute Mittag mit der Post bei mir an. Ist für dich.“
Ein Päckchen drückt Matze ihr in die Hand.
„Ich wünsch dir `nen schönen Adventstag, Maria und gehe jetzt auch nach Hause“, ruft der freundliche alte Mann ihr zu und schon klappern die Schlüssel an seinem Bund beim Absperren der Tür hinter ihm.

Was ist dein „Zuhause“?
Freunde, Erfolg, deine Arbeit? Was oder wen erwartest du, wenn es an deiner „Tür“ klopft? Worauf freust du dich? Auf den Weihnachtsstollen? Die Geschenke? Die Orgelmusik in der Kirche? Menschen, die dir das Gefühl von Vertrautheit geben?


Maria steht wie angewurzelt im Hausflur - allein, keiner mehr da.
Erst, als sie wieder am Tisch sitzt, erkennt sie die Handschrift ihrer Mutter auf dem Päckchen:
„Meiner lieben Maria“
Nervös reißen die Finger die Verpackung auf.
Ein Päckchen für sie von den Eltern? Aber sie hat doch schon so lange nicht mehr angerufen, sich nicht mehr gemeldet...?
Drinnen, im Innersten des Kartons, kommt eine Kerze zum Vorschein auf einem einfachen, gläsernen Ständer, daneben liegt ein Briefumschlag ohne Beschriftung.
Maria stellt die Kerze auf den Tisch und braucht vor Aufregung 5 Streichhölzer, bis der weiße Docht beginnt zu klimmen. Immer heller wird der Schein der Kerze, während Maria den Umschlag aufreißt und mit ausgetrockneter Stimme zu lesen beginnt:

Liebe Maria,

Es ist schon so lange her, dass wir etwas von dir hörten. Wie es dir wohl geht?
Ob du wohl richtig gute Freunde um dich hast und mit deinem Leben als erwachsene, junge Frau zurecht kommst?
Ich bete jeden Tag, dass du mit deinem Auto keinen Unfall haben wirst, wo auch immer du hinfährst, sicher ans Ziel kommst...

Wir haben gestern begonnen, all die Weihnachtssachen aus den Kisten zu holen und auch die Kerzen aufgestellt.
Unsere liebe Maria, wir wissen, du musst viel arbeiten und der Weg zu uns ist lang und weit zu fahren, doch Papa und ich, wir würden uns freuen, wenn du das Zugticket nutzt.
Wir stellen von heute bis zum Weihnachtsabend jeden Abend eine Kerze ins Fenster, die dir hoffentlich den Weg weisen wird, wenn du nicht weißt, wo du zu Hause sein kannst.
Du darfst kommen, jeder Zeit- möge deine Kerze dich zu uns tragen, wann immer du dich danach sehnst....“


Maria reißt die Jacke vom Hacken, steckt die Zugfahrkarte in die Tasche- ....
Jetzt, nach Hause, jetzt...
Die Tränen schießen ihr aus den Augen, sie rennt los, stolpert, kann kaum den Fahrplan lesen...Die Kerze der Eltern ist ihr zur hellsten Kerze geworden, während sie die Abfahrtszeit in ihrem Schein auf dem Holzkasten findet.
Jetzt - nach Hause.... immer wieder flüstert sie sich das selbst zu...
Als sie im Zug sitzt, hat sie noch gute 3 Stunden zum Fahren.
Es wird spät in der Nacht sein, wenn sie vor dem Haus ihrer Eltern steht.
Sie hat kein Gepäck dabei- das hätte zu lange gedauert.
Sie war seit einem Jahr nicht mehr bei den Eltern...
Aber in ihrer linken Hand drückt sich das warme Wachs der Kerze in die Finger hinein.
Egal wann, sie ankommt, nicht so wichtig, wenn sie nichts als sich selbst mitbringt.
Maria fährt nach Hause und ist voller Erwartung und Vorfreude. Es wird hell mit dieser Kerze, schon auf dem Weg dahin.

Wo Menschen still werden,
in sich hinein horchen,
beginnen ihr Zuhause zu suchen,
nach dem Sinn zu fragen...
Wo Menschen einen Weg aus der Einsamkeit suchen
und eine Kerze das Dunkel ihrer Seele durchbricht...
Wenn Menschen beginnen, Wärme und Vertrautheit zu erahnen-
Da wird es Advent,
da kommt Vorfreude auf und Hoffnung
auf das eigentliche Fest –
mach dich auf den Weg
dann kommst du „Zu Hause“ an
und du findest all das,
wonach du dich in der Stille deines Herzens sehntest-
Gott ist dein Vater, dein Schöpfer
Und in Jesu Geburt leuchtet er dir den Weg nach Hause.



Gaby Klaus



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