Der unbarmherzige Mitmensch
- Nach Lukas 10, der barmherzige Samariter -





Der unbarmherzige Mitmensch




Nach Lukas 10 - Der unbarmherzige Mitmensch
Sind Sie mein Nächster??
Der unfreundliche Nachbar der sich über den Lärm meiner Kinder beschwert?
Der Kollege am Arbeitsplatz, der mich verpfiffen hat?
Der Autofahrer der mir die Vorfahrt genommen?
Der Nachbar der die Polizei gerufen, weil wir zu laut gefeiert haben?
Der mich beim Fußball gefoult hat?

Adalbert Sonntag war ein friedlicher Ehemann und Vater. An diesem Samstag
Abend saß man gemütlich im Wohnzimmer beisammen. Bald würde das
Abendprogramm im Fernsehen beginnen. Die Tagesschau berichtete gerade
von schweren Unwettern in Italien, in der Türkei war ein Erdbeben. In aller Welt
war etwas los. Dann kam ein Spendenaufruf für die Betroffenen, doch Adalbert
sagte: uns gibt auch keiner was. Adalbert hatte etwas gegen Ausländer, was und
warum, das wusste er manchmal selber nicht so genau.
In seiner Straße waren in den letzten Jahren viele Ausländer zugezogen.
Einige nannten seinen Stadtteil darum auch gelegentlich Klein-Istanbul.
In der Straße spielten viele türkische Kinder friedlich mit deutschen Kindern.
Aber die deutschen Eltern sahen das oft nicht so gerne.
Und die Mädchen mit ihren Kopftüchern, nein, das musste nicht sein.
Die Türken riechen nach Knoblauch, meinte Adalbert. Und es sein auch viel
zu viele hier, meinte er. Die nehmen uns die Arbeit weg, fressen uns alles
weg und so weiter.
Das wird immer schlimmer mit den Ausländern, meinte Adalbert.
Aber so kannst du als Christ nicht reden, sagte seine Frau. Schließlich
ist jeder Mensch dein Nächster, dein Mitmensch.
Jesus hat nicht nur für Deutsche gelitten, ist nicht nur für uns gestorben.
Und im übrigen, Jesus war Jude, also für uns auch ein Ausländer.
Ja, ja, sagte Adalbert, ich weiß.
Seine Frau musste ihn oft tadeln und sagte; das ist nicht christlich was du da
sagst, Ausländer sind auch Menschen.
Die haben aber schon ganze Stadtteile in Ghettos verwandelt, sagte Adalbert.
Seine Frau entgegnete: was sollen die denn machen, wenn sich die Deutschen
von ihnen fernhalten?
Da wird immer groß von Integration gesprochen und niemand kümmert sich
um diese Menschen.
Du kennst doch die Frau Hrüsenük, welche zwei Häuser weiterwohnt, so etwas
Nettes, sagte seine Frau.
Ja und diese Kopftücher entgegnete Adalbert. Das kann dir doch egal sein,
was die Frau auf dem Kopfe trägt, sagte seine Frau.
Es war Adalbert schon ein Dorn im Auge, das sein Sohn mit Türken verkehrte
und sogar schon mal eine türkische Freundin hatte.
Nein, er, Adalbert habe ja eigentlich gar nichts gegen Ausländer, die sollten
sich nur nicht immer so aufspielen, schließlich seien die hier Gäste.
Ach ja, der Hassan, sein Arbeitskollege, ein Türke, sei doch ein Pfundskerl.
Im Übrigen seien auf seiner Arbeitsstelle viele Ausländer beschäftigt, mit denen
er gut auskomme. Nein, ich habe nichts Bestimmtes gegen Ausländer, aber ich
darf wohl meine Meinung sagen, wenn die hier nicht wissen, wo es lang zu
gehen hat.
Am Sonntag saß Adalbert mit seiner Frau am Frühstückstisch, die Kinder
schliefen noch und sagte zu seiner Frau: ich fahre nachher mal zu meinem
Bruder, bin gegen Mittag zurück.
Und das von gestern Abend, vergiss es. Ich bin nicht Ausländerfeindlich,
die sollen sich hier nur benehmen.
Seien Frau sagte nichts, sie wollte die Diskussion nicht schon wieder.
Dann gehe ich wohl heute alleine in die Kirche? fragte seine Frau.
Nun entgegnete ihr Mann, ich muss mal wieder bei Richard reinschauen,
war lange nicht da.
Adalbert verabschiedete sich von seiner Frau und fuhr mit dem Bus einige
Stationen zur U-Bahn. Es war nicht viel los auf den Straßen, aber es war ja
Sonntag. Nach ca. 10 Minuten hatte er die U-Bahn erreicht. Mit leichten
Schritten ging er die Treppen hinunter, nur wenige Leute hielten sich da auf.
Auf der Anzeigetafel war zu lesen, dass der Zug in ca. 8 Minuten kommen würde.
So schlenderte Adalbert ein wenig umher und guckte sich Plakate an.
Plötzlich, völlig unerwartet stürzten zwei junge Männer auf ihn zu, er bekam einen
Faustschlag in das Gesicht, stürzte zu Boden. Die beiden traten wie wild auf ihn
ein. Einer der Männer bemächtigte sich seiner Armbanduhr, Adalbert spürte, wie
jemand in sein Jackett griff und die Geldbörse nahm.
Er rief um Hilfe, doch von den wenigen anwesenden zogen sich alle zurück.
Niemand wollte sich Gefahren aussetzen, keiner sprang ihm bei.
Plötzlich tauchte ein Mann auf und rief: halt, aufhören, sofort.
Die Täter versetzten Adalbert noch einen letzten Tritt und flüchteten.
Adalbert blutete stark aus Nase und Mund. Der fremde beugte sich über
Ihn, zog ein sauberes Taschentuch hervor und begann das Blut abzuwischen.
Dann nahm er sein Handy und rief den Krankenwagen.
Da erscheint ein Mann im dunklen Anzug, an seinem Kragen erkennt man,
er ist Pastor, er fragt nur kurz: ist was mit dem?
Der Fremde will was sagen, aber der andere springt schon eilig in die
herannahende U Bahn.
Mit großen Sätzen kommt ein zweiter Mann angelaufen, der Fremde will
Ihn zurückhalten, keine Chance, habe es eilig, ruft der andere, bin Küster
In der St. Georgs Kirche, keine Zeit.
Inzwischen sind der Krankenwagen und die Polizei eingetroffen.
Adalbert erkennt so langsam was um ihn herum passiert. Der Fremde, der
Ihn die ganze Zeit betreut, entpuppt sich als Marokkaner, lebt aber schon
lange in Deutschland, wie Adalbert später erfährt.
Vorsichtig wird Adalbert auf die Bahre und dann in den Krankenwagen
verladen. Unterdessen nimmt die Polizei den Hergang des Geschehens
auf, soweit Zeugen vorhanden sind und der einzige Zeuge ist dieser Marokkaner.
Der Marokkaner darf mit in das Krankenhaus, er möchte schließlich wissen,
was mit dem Opfer geschehen ist.
Im Krankenhaus angekommen, werden sie von einem dunkelhäutigen Arzt,
er ist Grieche und zwei Krankenschwestern, die eine ist Asiatin empfangen.
Adalbert wird erst einmal zur Untersuchung gebracht.
Der Marokkaner beschließt, zu warten, hofft, man wird ihm mitteilen was mit
dem Opfer ist.
Nach einer guten dreiviertel Stunde kommt eine Schwester und teilt ihm mit,
das das Opfer doch einiges mitbekommen habe: Nasenbeinbruch, einige
Rippen gebrochen und na ja, weiteres müsse die Untersuchung zeigen.
So acht bis zehn Tage wird der gute Mann wohl hier verbringen müssen.
Bitte Schwester, sagt der Marokkaner, hier sind 20 Euro, legen sie die dem
guten Mann in seinen Nachtschrank, sagen sie ruhig von wem es ist.
Vielleicht braucht er ja mal eine Zeitschrift oder so.
Die Schwester verspricht, so zu verfahren. Der Marokkaner wendet sich dem
Ausgang zu, dreht sich noch einmal zur Schwester um und sagt: ich komme
In zwei, drei Tagen mal vorbei.
Mittlerweile sind auch Adalberts Frau und Kinder eingetroffen, nachdem
sie von der Polizei verständigt wurden.
Doch Adalbert wird schon operiert, so dass sie nach einem Gespräch mit
der Schwester wieder nach Hause fahren.
Adalberts Frau liest am Montagmorgen in der Zeitung von dem Vorfall in der
U-Bahn, erfährt auch etwas über den hilfsbereiten Marokkaner.
Auch die Täter hat man in der Zwischenzeit ermittelt. Es waren zwei Deutsche
und ein Holländer.
Ja, auch die zwei Hauptzeugen, jener Pastor und Küster wurden inzwischen
ermittelt, das heißt, sie meldeten sich freiwillig, als sie von dem Vorfall erfuhren.
Das Gewissen hatte sie eingeholt.
Adalberts Frau beschließt, den Artikel heute Nachmittag mit in das Krankenhaus
zu nehmen.
Als sie am Nachmittag das Krankenzimmer betritt, ist ihr Mann in einer
lebhaften Unterhaltung mit zwei Männern. Der größere der beiden stellt sich
als Pastor der St. Georgskirche vor und das ist unser Küster, auf den kleineren
Mann zeigend.
Der Pastor erzählt, wie ihm das alles so leid tue, er sei an diesem Sonntagmorgen mit den Gedanken woanders gewesen. Es tue ihm schrecklich leid
und er schäme sich sehr. Ein Disziplinarverfahren sei auch zu erwarten.
Auch der Küster spricht mit stockender Stimme, er habe an diesem Morgen
verschlafen und es darum einfach eilig gehabt.
Die Tür geht auf, ein ausländischer Arzt erscheint und fragt kurz, ob alles
Ok sei. Adalbert bejaht.
Hier gibt es wohl nur Ausländer, meint der Küster, viele Asiatinnen bei den
Schwestern, aber sehr hübsch.
Ja, die sind hier alle sehr nett, sagt Adalbert hätte ich auch nicht gedacht.
Wenn dieser hilfsbereite Marokkaner im U-Bahnhof nicht gewesen
wäre, sagt Adalbert. Marokkaner? fragt seine Frau. Ja, ein Marokkaner, ich
habe sogar seine Adresse, er hat sie der Schwester gegeben für mich.
Er wollte auch die Tage noch einmal vorbei kommen.
Die Tür geht auf, eine türkische Frau entschuldigt sich, falsche Tür.
Der Pastor und der Küster verabschieden sich, versprechen, noch einmal
wieder zu kommen.
Pastor und Küster werden später in einem Disziplinarverfahren bestraft, dazu
müssen sie sich wegen unterlassener Hilfeleistung verantworten.
Zwischen Adalbert und dem Marokkaner entwickelt sich eine lebenslange
Freundschaft. Unterschiedliche Religionen müssen nicht Bremsklotz für die
Nächstenliebe sein.
Von dieser Zeit an ändert auch Adalbert seine Einstellung zu Ausländern.
Mich hat der Vorfall erschüttert und täglich kommen neue Vorfälle hinzu.
Die von mir frei erfundene Geschichte hat ihre Analogie in der Geschichte
vom barmherzigen Samariter.
Erschütternd ist die Gleichgültigkeit vieler Menschen: da wird in Berlin ein
Ausländer aus der U-Bahn geworfen und die Leute sehen weg.
Da hört man Abend für Abend Kinderschreie, als es zu spät ist, will niemand
etwas gehört haben.
Die Unbarmherzigkeit und Gleichgültigkeit der Menschen macht mich betroffen.
Und diese Unbarmherzigkeit hat Jesus veranlasst, die Geschichte vom
barmherzigen Samariter zu erzählen.
Es ist ein Appell an alle, welche sich mit dem Mantel der Frömmigkeit umgeben.
Ich selber habe keine negativen Erfahrungen mit Ausländern, nicht mehr, als
mit meinen Landsleuten auch.
Hinzu kommt, das auch ich oft gleichgültig am Schicksal meiner Mitmenschen
interessiert war.
Nun soll aber die obige Geschichte nicht zum Heldentum herausfordern.
Ich wüsste auf Anhieb auch nicht, was ich tun sollte, wenn drei Schläger
auf einen Mitmenschen einschlagen.
Aber sich zumindest das Aussehen der Täter merken, den Tatverlauf
gut merken, Polizei Alarmieren, Krankenwagen rufen, dem verletzten
beistehen.
In jedem Menschen den Mitmenschen sehen, egal, welcher Nationalität
er angehört, egal wie er aussieht, auch wenn es ein betrunkener
Obdachloser ist, auch er ist unser Mitmensch.



Wolfgang Müller







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